Montag, 04 April 2011 00:00

Qualitätsstandards für die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen

geschrieben von  Christian Fey

Die Initiatoren und Träger des Nationalen Aktionsplans (das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Zusammenarbeit mit einigen Nicht-Regierungsorganisationen) legten im letzten Jahr ihren Abschlussbericht vor, in dem dagegen eher auf positive Entwicklungen verwiesen wird. So werde inzwischen die Entwicklung zu einer kindergerechteren Welt auf breiter Basis der Bevölkerung als wichtige Aufgabe angesehen. Außerdem wird auf zahlreiche in der Projektlaufzeit enstandenen Initiativen von Kommunen, Verbänden, Schulen und weiteren Institutionen verwiesen und zur Fortsetzung des begonnen Prozesses aufgerufen.

Eines der wichtigsten Ziele des Nationalen Aktionsplans (NAP) stellte die Etablierung von Beteiligungsstrukturen für Kinder in Deutschland dar. Ein eigens eingerichteter Arbeitskreis des NAP hat hierzu - mit den Erfahrungen des Aktionsplans im Hintergrund - eine eigene Broschüre veröffentlicht, die im folgenden kurz vorgestellt werden soll.

Beteiligung gut gemacht

Qualitätsstandards für Beteiligung zu definieren, heißt Grundsätze die zum Teil zunächst einmal theoretischer oder allgemeiner Natur sind, für Einrichtungen und deren Personal in Handlungsschritte zu konkretisieren, die dann auch überprüfbar und bewertbar sind.

Der Arbeitskreis des NAP, der sich sowohl aus Wissenschaftlern als auch aus Prakitkern zusammensetzt, hat sich in seiner Handreichung dazu entschieden, für einzelne Institutionen unterschiedliche bzw. angepasste Standards zu definieren, für die Kita, die Schule, die Kommune, die Kinder- und Jugendarbeit und für das Handlungsfeld der erzieherischen Hilfen.

Dabei wird davon ausgegangen, dass Kinder und Jugendliche ein grundsätzliches Interesse daran haben, sich einzumischen - diesem Interesse soll dann in entsprechenden Bahnen Raum gegeben werden.

Aus den Erfahrungen, die während der Umsetzung des Nationalen Aktionsplans gemacht wurden, hat man zunächst allgemeine Qualitätsstandards formuliert, die sozusagen die Bezugsnorm bilden, auf denen für die unterschiedlichen Bereiche wie die Schule Bewertungen vorgenommen und Aussagen getroffen werden können. Folgende allgemeine Qualitätsstandards wurden veröffentl

Allgemeine Qualitätsstandards für die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen

  1.  BETEILIGUNG IST GEWOLLT UND WIRD UNTERSTÜTZT - EINE PARTIZIPATIONSKULTUR ENTSTEHT
  2.  BETEILIGUNG IST FÜR ALLE KINDER UND JUGENDLICHEN MÖGLICH
  3.  DIE ZIELE UND ENTSCHEIDUNGEN SIND TRANSPARENT - VON ANFANG AN
  4.  ES GIBT KLARHEIT ÜBER ENTSCHEIDUNGSSPIELRÄUME
  5.  DIE INFORMATIONEN SIND VERSTÄNDLICH UND DIE KOMMUNIKATION IST GLEICHBERECHTIGT
  6. KINDER UND JUGENDLICHE WÄHLEN FÜR SIE RELEVANTE THEMEN AUS
  7. DIE METHODEN SIND ATTRAKTIV UND ZIELGRUPPENORIENTIERT
  8. ES WERDEN AUSREICHENDE RESSOURCEN ZUR STÄRKUNG DER SELBSTORGANISATIONSFÄHIGKEIT ZUR VERFÜGUNG GESTELLT
  9. DIE ERGEBNISSE WERDEN ZEITNAH UMGESETZT
  10. ES WERDEN NETZWERKE FÜR BETEILIGUNG AUFGEBAUT
  11. DIE BETEILIGTEN WERDEN FÜR PARTIZIPATION QUALIFIZIERT
  12. PARTIZIPATIONSPROZESSE WERDEN SO GESTALTET, DASS SIE PERSÖNLICHEN ZUGEWINN ERMÖGLICHEN

Für ihre Empfehlungen für jedes Handlungsfeld legen die Autoren die gleiche Gliederung zu Grunde, was der Handhabung und Übersichtlichkeit der Handreichung zuträglich ist. Zunächst wird in einer kurzen Einleitung die Relevanz von Partizipation als vitales Prinzip einer demokratischen Gesellschaft erläutert und aufgezeigt, in welcher Form er in dieser Institution bzw. diesem Handlungsfeld verortet sein kann und soll. Darauf folgt eine Beschreibung des Handlungsfelds selbst in Bezug auf mit ihm verknüpften Chancen und Herausfoderungen. Im nächsten Schritt werden die allgemeinen Qualitätsstandards konkretisiert und Anforderungen an beteiligte Akteure formuliert. Darauf folgende werden sehr konkrete und den Strukturen des jeweiligen Handlungsfeld erkennbar nahe Handlungsschritte empfohlen zu denen in der Regel auch Fragen formuliert werden, die zur Evaluieren des Umsetzungsversuchs benutzt werden können.

Es erscheint lobenswert, dass sich hier tatsächlich bemüht wird, nicht bei Appellen stehen zu bleiben, sondern tatsächlich zumindest ein Grundgerüst von Handlungsschritten zu erstellen, das auch für jeden Bereich zumindest mittelfristig umsetzbar ist.

Illustrativ sollen hier die empfohlenen Handlungsschritte für die Beteiligung in Kindertageseinrichtungen widergeben werden.

Handlungsschritte für die Beteiligung in Kindertageseinrichtungen:

Erste Annäherung an das Thema

Zunächst gilt es unter den Fachkräften zu klären, was sie unter Beteiligung verstehen und welche Hoffnungen und Ängste sie damit verbinden. Es geht darum, die eigenen Erfahrungen mit Partizipation zu reflektieren und ein erstes Verständnis davon zu gewinnen, was Beteiligung beinhalten kann.

Klarheit über Entscheidungsspielräume

Erfahrbar wird Partizipation, wenn das Team konkret und differenziert klärt: Was dürfen Kinder in unserer Einrichtung mitentscheiden und was nicht? Die Auseinandersetzung mit dieser Frage führt in der Regel zu intensiven Diskussionen und macht auch deutlich, welche Befürchtungen und Hoffnungen mit Partizipation verbunden werden. Das Team sollte konkrete Verabredungen zu dieser Frage treffen. Zu welchen Themen die Teams den Kindern Mitentscheidungsrechte zugestehen, ist sehr unterschiedlich. Wichtig ist, dass diese den Kindern dann auch wirklich eingeräumt werden.

Methodische Qualifizierung

Partizipation braucht methodische Kompetenzen. Die Fachkräfte müssen wissen: Wie gestalte ich Dialoge? Wie führe ich Abstimmungen durch? Welche Planungsmethoden gibt es?

Entwicklung demokratischer Strukturen

Partizipation muss strukturell verankert sein - zum Beispiel in Form von Beteiligungsgremien oder einer Verfassung, in der sowohl die Rechte der Kinder als auch die Beteiligungs- und Entscheidungsstrukturen festgeschrieben sind.

Sichtbarmachen von Partizipation

Partizipation braucht Öffentlichkeit, zunächst einrichtungsintern. Die Kinder müssen wissen, wann die Delegiertenkonferenz tagt oder welche Themen entschieden werden müssen. Dokumentationen, Protokolle, Fotos etc. informieren aber auch Eltern und andere Besucherinnen und Besucher der Kindertageseinrichtung.

Reflexion und Evaluation

Schließlich muss das Fachteam Partizipation - wie alle pädagogischen Themen - immer wieder reflektieren und evaluieren. Auch dabei können Kinder beteiligt werden.

Öffnung ins Gemeinwesen

Die ersten Erfahrungen mit Beteiligungen machen Kinder in der Regel im pädagogisch geschützten Raum der Kindertageseinrichtung. Diese kann Kindern aber zeigen, wie sie sich an Entscheidungen im Gemeinwesen beteiligen können.


Fazit

"Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Beteiligung und Mitgestaltung. Dieses Recht gehört zur Basis unserer Demokratie und wurde in den letzten Jahrzehnten in zahlreichen internationalen und nationalen Gesetzestexten festgeschrieben: etwa in der UN-Kinderrechtskonvention, im Bürgerlichen Gesetzbuch, im Baugesetz, im Kinder- und Jugendhilfegesetz sowie in einzelnen Ländergesetzen. Die Mitwirkungsmöglichkeiten können der nachwachsenden Generation deutlich machen, dass es im demokratischen System und in der eigenen Lebenswelt wichtig und notwendig ist, sich einzumischen - und dass diese Einmischung erfolgreich sein kann. Die Erfahrung der Selbstwirksamkeit im politischen Raum wiederum schafft Möglichkeiten, sich mit dem eigenen Lebensumfeld - sei es in der Kommune oder in Institutionen - zu identifizieren. Sie befördert ein gleichberechtigtes Verhältnis der Generationen."

aus: Präambel "Qualitätsstandards für die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen" - Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Der Arbeitskreis, der die hier vorgestelle Broschüre entwickelt hat, findet klare Worte, um seinen Standpunkt bzgl. einer ernsthaften Umsetzung von Partizipation zu verdeutlichen und betont: "Echte Beteiligung heißt Macht abgeben". Damit ist die Herausforderung an die Personen der behandelten Institutionen und Organisation ausgesprochen, einen ausreichenden und angemessenen Teil ihrer Macht abzugeben. Die vorgelegten Qualitätsstandards und die darin enthaltenen Handlungsschritte zeigen Leitlinien auf, nach denen dies begründet und nach langjähriger Erfahrung auch erfolgreich geschehen kann. Zumindest die Hemmschwelle zur Umsetzung partizipativer Strukturen sollte damit gesenkt werden. Doch reicht dies aus?

Die National Coalition für die Umsetzung der UN-KInderrechtskonvention (NC), die sich in auch in jüngerer Vergangenheit immer wieder kritisch zu den im Rahmen des NAP erreichten Zielen geäußert hat, mahnt: "Kinderrechte sind ein Querschnittsthema, das in zahlreiche Bereiche unseres Lebens hineinreicht. Die daraus erwachsende Verantwortung müssen alle gesellschaftlichen Strukturen wahrnehmen: staatliche Organe, Arbeitgeber ebenso wie Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbände und Initiativen der Zivilgesellschaft, Kirchen, Wissenschaft und Forschung, Kunst, Kultur und Medien. Ziel ist, dass die staatlichen und gesellschaftlichen Akteurinnen und Akteure ihre Initiativen und Programme für Kinder und mit Kindern im Sinne eines Kinderrechteansatzes an den in der VN-KRK niedergelegten Rechten orientieren". Um dieses Ziel zu erreichen, fordert die National Coalition die Einführung eines Monitorings für die Umsetzung von Kinderrechten - vielleicht ein Vorschlag, den zu verfolgen sich sich lohnen würde.


Ressourcen

Der Nationale Aktionsplan „Für ein kindergerechtes Deutschland" (NAP) 2005-2010

Abschlussbericht des NAP: http://www.kindergerechtes-deutschland.de/publikationen/qualitaetsstandards-zur-beteiligung/qualitaetsstandards-zur-beteiligung.html

Hier finden sie das Dokument in besserer Qualität: dokument bessere quali: http://www.docstoc.com/docs/45819043/Allgemeine-Qualittsstandards-f黵

Artikel über eine Studie zu den Beteiligungsrechten von Kindern und Jugendlichen: http://www.politische-bildung-bayern.net/content/view/679/128/

Artikel über die Studie "Kinder ohne Einfluss": http://www.politische-bildung-bayern.net/content/view/665/128/

Pressemeldung des NAP: http://www.national-coalition.de/pdf/PM_NC_NAP2010.pdf

Gelesen 1789 mal Letzte Änderung am Sonntag, 21 Dezember 2014 11:14
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