Freitag, 03 Mai 2013 12:48

Fragen zu einem provokanten Buch: Über "dumme Bürger" und "feige Politiker"

geschrieben von  Frank Wagner

Das Niveau in politischen Alltagsgesprächen ist oftmals weitaus niedriger, als es dem Niveau der Diskutanten entsprechen würden. In der im Springer Verlag erschienenen Streitschrift für mehr Niveau in politischen Alltagsgesprächen geht es nicht nur darum, diese Behauptung zu belegen, sondern vor allem auch darum, deutlich zu machen, dass dies sowohl für die Qualität von Politik als auch für die Qualität von Demokratie ein Problem darstellt. Das Buch nimmt eine kontroverse Perspektive ein, die zu einem stärkeren Zusammenhalt in unserer Gesellschaft beitragen kann.

 

In Ihrem Buchtitel  bezeichnen Sie Bürger als dumm und Politiker als feige. Das ist ganz schön provokant! Was steckt genau hinter dieser Aussage?

Es gibt eine Wechselwirkung zwischen der Politikerverdrossenheit der Bürger und der Bürgerverdrossenheit der Politiker. Den meisten Bürgern ist nicht einmal bewusst, dass Politiker durchaus auch kritisch auf die Bürger blicken und sich beispielsweise überlegen, ob sich Ehrlichkeit überhaupt noch lohnt. Ohne politische Alltagskultur, welche die Komplexität von Politik ernst nimmt und den Politikern nicht von vornherein jene Seriosität abspricht, brauchen wir uns über feige Politik und die Tendenz zur Abschottung von Politikern nicht zu wundern.

 

Was verstehen Sie unter Politikverdrossenheit bzw. unter Politikerverdrossenheit?

Politikverdrossenheit ist ein sehr populärer, leider wenig eindeutiger und deshalb in der Politikwissenschaft auch eher kritisch gesehener Begriff. Es geht hierbei darum, wie die Einstellung gegenüber der politischen Gemeinschaft, dem Regime und den Autoritäten ist. In Deutschland fällt auf, dass die Identifikation mit den politischen Autoritäten, also den Politikern, sehr gering ist. Ihnen wird eher weniger Vertrauen entgegengebracht, wodurch ihre Legitimität in Frage gestellt wird. Auch über die Art und Weise, wie Politik in unserem Land funktioniert, gibt es ähnliche Vorbehalte. Und nach unserer Auffassung sind diese Vorbehalte oftmals nicht Ergebnis einer differenzierten Auseinandersetzung der Bürger mit der Politik. Wir verstehen unter Politik(er)verdrossenheit die pauschale Verächtlichmachung von Politik und Politikern, die sich in Stammtischparolen ausdrückt. In Anlehnung an den Erwachsenenbildner Prof. Dr. Klaus-Peter Hufer sind dies platte und aggressiv rechthaberische Aussagen, die sich durch kategorisches Entweder-Oder und dezidierte Selbstgerechtigkeit kennzeichnen.

 

Können Sie Beispiele für Stammtischparolen nennen?

Wir unterscheiden drei Varianten von Stammtischparolen: 1. Stammtischparolen im Sinne von verallgemeinernden pauschalen Aussagen: „Alle Politiker sind viel zu weit weg vom Bürger“, 2. Stammtischparolen im Sinne von sich widersprechenden Idealvorstellungen: „Wir brauchen mehr Einzelfallgerechtigkeit, aber auch weniger Bürokratie“ und 3. Stammtischparolen aufgrund von Unkenntnis: „Die Faulheit der Politiker sieht man am leeren Plenum im Bundestag“. Mit dem Begriff Stammtischparolen geht es uns dabei nicht um die Diskreditierung des Stammtisches, der durchaus auch ein Ort niveauvoller Auseinandersetzung sein kann. Man könnte ebenso kritisch von Mensa-, Facebook- oder Esstischparolen sprechen. Uns geht es vielmehr darum, die Faulheit im Denken und öffentlichen Reden anzuprangern.

 

Wie lässt sich der von Ihnen behauptete Zusammenhang zwischen pauschaler Verächtlichmachung der Politiker und einer zunehmenden Bürgerverdrossenheit der Politiker erklären?

Der Politikwissenschaftler Prof. Werner J. Patzelt fragt in einem Aufsatz sinngemäß, wie viel Politikverachtung die politische Klasse vertrage, bevor sie sich auf Selbstsucht und Zynismus zurückziehe. Mit der ehemaligen Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer lasse sich beispielsweise erklären, warum politischer Mut unwahrscheinlich werde, wenn er vom Bürger nicht belohnt werde. Zitat: „Wenn die Bürger Ehrlichkeit nicht honorieren, dann kriegen sie die feigen Politiker, die sie verdienen.“ Und den Rückzug, von dem Patzelt spricht, beschreibt der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki in einem Interview wie folgt: „Ich lerne, nicht mehr laut zu denken“.

 

Wer kann etwas gegen die Verbreitung von Stammtischparolen machen?

Wir gehen davon aus, dass vier Akteure für die Verbreitung von Stammtischparolen verantwortlich sind. Die Politik könnte, statt auf die Verächtlichmachung des politischen Gegners zu setzen, Politik als intellektuell spannende Herausforderung vermitteln. Die Medien könnten aufhören, Politikverachtung als Verkaufsstrategie zu betrachten. Die politische Bildung müsste aufhören, sich bei Lernenden anzubiedern, indem sie entweder pauschale Kritik zum Lernziel erhebt oder Kernfragen des Politischen außen vor lässt. Stattdessen müsste politische Bildung in einer Mischung aus Konfrontation und Moderation zu einer Weiterentwicklung der individuellen politischen Urteilsfähigkeit beitragen. Und die Bürger selbst sollten den privaten Streit über öffentliche Themen nicht länger als Belastung empfinden, sondern immer wieder den Mut aufbringen, sich ihres eigenen Verstandes auch bei politischen Themen zu bedienen.

 

Das Buch bietet die theoretische Grundlage für ein „Argumentationstraining gegen Stammtischparolen zum Thema Politik(er)verdrossenheit“. Wie könnte ein solches Angebot praktisch umgesetzt werden?

Wir arbeiten derzeit mit Studierenden an der Weiterentwicklung dieses Trainings. Inspiriert von Dr. Klaus-Peter Hufer versuchen wir Ansätze zur Identifikation von Stammtischparolen, zur Infragestellung und zur Gegenargumentation zu entwickeln. Wir konnten das Programm bereits mit verschiedenen Zielgruppen ausprobieren, u.a. auch mit Politikern. Die Ergebnisse sind vielversprechend. Es zeigt sich, dass eine Mischung aus interessierter Nachfrage und zugespitzter Gegenthese schnell zu einem höheren Gesprächsniveau führt. Möglich ist der Einsatz des Trainings in der schulischen und der außerschulischen politischen (Erwachsenen-)Bildung. Wer Interesse hat, das Programm kennen zu lernen, kann uns gerne kontaktieren.

 

Können Sie Beispiele für Übungen aus dem Training geben?

Es geht beispielsweise darum, in Interviews mit Bürgern, im Internet oder auch in Kommentaren von Tageszeitungen Stammtischparolen zu identifizieren und darüber zu diskutieren. Alleine die Auseinandersetzung mit dem entsprechenden Material führt oft zu sehr anregenden und durchaus auch kontroversen Diskussionen. Darüber hinaus führen solche Übungen und Erfahrungen zu einer Sensibilisierung gegenüber platten Statements, die oftmals auf den ersten Blick ganz vernünftig klingen. In manchen Übungen geht es darum, in Rollenspielen bestimmte Strategien zur Infragestellung kennen zu lernen, so zum Beispiel den Einsatz von sogenannten Präzisierungsfragen oder auch die Technik des „Notwendigen Distanzierens“, die wir aus einem Programm von Susanne Ulrich (Centrum für angewandte Politikforschung in München – CAP) für uns adaptierten. Ganz grundlegend ist auch eine Übung zu sogenannten Werte- und Entwicklungsquadraten. Da es in der Politik oftmals keine einfachen und vor allem keine endgültigen Lösungen geben kann, werden mithilfe dieser Methode politische Themen deutlich gemacht. Viele politische Entscheidungen stehen im Spannungsfeld verschiedener, im Widerspruch zueinander stehender Werte. Gerade in der Auseinandersetzung mit Werte- und Entwicklungsquadraten sehen wir ein sehr großes Potenzial für die politische Bildung und arbeiten deshalb derzeit in einem Forschungsprojekt an der Weiterentwicklung dieses Ansatzes.

 

Frank Wagner sprach mit dem Autorenduo Christian Boeser und Karin Schnebel

 

Das Buch kann direkt beim Springer Verlag und beispielsweise bei Weltbild oder Amazon erworben werden.

 

Gelesen 569 mal Letzte Änderung am Dienstag, 13 September 2016 11:46
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