Donnerstag, 16 Februar 2012 00:00

Slowenien: Politische Bildung ohne Politik?

geschrieben von  Andreas Weiß

Im Rahmen der Artikelserie zur Politischen Bildung im internationalen Kontext wird an dieser Stelle Slowenien thematisiert.

14. Beitrag der Reihe: Slowenien erreichte seine 1991 Unabhängigkeit und bildet somit einen jungen demokratischen Staat im Herzen Europas. Doch wie viele andere junge Demokratien mit Ursprung im Fall des eisernen Vorhangs muss Slowenien sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen, was auch für die politische Bildung gilt. Marjan Šimenc analysierte die Umstände der ersten Schuljahre

Ideologie in der Schule

Als Teilrepublik des sozialistischen Jugoslawien stand Slowenien vom Ende des Zweiten Weltkrieges an unter dem Einfluss eines Einparteiensystems. Miteinher ging damit auch die Verbreitung der Staatsideologie, welche auch in der Schule Anwendung fand. Dies geschah in Form zweier Fächer, der „Selbstverwaltung und Grundsätze des Marxismus" sowie der „Gesellschaftlichen und sittlichen Erziehung". Die Zielsetzung bestand einerseits darin, die Staatsideologie bereits früh an die Bürger zu verbreiten und andererseits das „Monopol der Kirche auf sittliche Erziehung" abzuschaffen und gleichzeitig einen Ersatz zu schaffen. Im Laufe der Zeit ebbte der sozialistische Einfluss langsam ab: In den 80er Jahren war die Realität in den Klassenzimmer eine andere als zu Beginn, niemand erwartete mehr von den Lehrkräften, die sozialistische Ideologie ernsthaft zu vermitteln.

„As a consequence, teachers had experienced the greatest degree of freedom teaching the subject which was supposed to include the greatest degree of indoctrination."

Zu Beginn der Neunziger Jahre gelang Slowenien die Unabhängigkeit von Jugoslawien und somit das Ende der kommunistischen Indoktrination in den Schulen.


Bürgerkunde und Ethik

Als Konsequenz des Lossagung von der sozialistischen Ideologie kam es im slowenischen Bildungssystem in erster Linie zu elementaren Veränderungen der kommunistisch geprägten Fächer. Die „Gesellschaftliche und sittliche Erziehung" wich zunächst dem Fach „Ethik und Gesellschaft", welches sich vornehmlich mit der Aufarbeitung der neuesten slowenischen Geschichte befasste und darüber hinaus verantwortungsbewusste Bürger hervorbringen sollte.

Dem folgte eine Debatte im Bildungssystem, welche zum einen die Wissens-Komponente des Fachs, zum anderen die Bedeutung von Werten und Religion zum Ziel hatte. In diesem Rahmen wurde eine Neuordnung der Ausrichtung des Fachs angestrebt, welches Lernen, und nicht pures Anhäufen von Fakten betonen sollte. Komplexer gestaltete sich die Diskussion um den Einfluss der Kirche; Diese erhob nämlich den Anspruch, im Unterricht vertreten zu sein. Dies wurde schließlich mit Skepsis gesehen, da man nicht ein „aufgesetztes Wertesystem" mit einem anderen ersetzen wollte – man war vorsichtig geworden. Diese Debatte ist bis heute noch nicht gänzlich vorüber.

„Bürgerkunde und Ethik" stellt eine weitere, verpflichtende Disziplin für die Schüler dar. Es wurde bei der Einrichtung genau darauf geachtet, dass jede Generation junger Slowenen diesen Kurs belegen muss. In diesem Kontext werden Wissen und Fähigkeiten über die Gesellschaft und den Umgang mit ethischen Konflikten vermittelt, jedoch stets mit einer neutralen Haltung versehen. Dabei wird zugleich vermieden, die Politik, Regierung oder demokratische Prozesse direkt zu thematisieren. Gründe dafür könnten in der Geschichte des Landes liegen: Durch die langjährige Indoktrination wurde das ehemalige politische System in aller Breite durchexerziert, somit löst Institutionenkunde bei Lehrkräften unter Umständen direkten Argwohn aus. Auch wird penibel darauf geachtet, das der Fokus auf der Wertevermittlung liegt, nicht beim Faktenwissen – worunter politische Prozesse sich nun mal einordnen. Dies, und das bleibt als positiv zu bemerken, wirkt sich allerdings nicht auf die Kompetenzen der Schüler in Hinsicht auf Kenntnisse über politische Prozesse aus, wie Studien belegten. Slowenische Schüler schnitten im internationalen Vergleich überdurchschnittlich gut ab.


Quelle:

Šimenc, Marjan: Citizenship education in Slovenia between past and future, in: Journal of Social Science Education, 2/ 2003 (Online verfügbar)

Gelesen 591 mal Letzte Änderung am Dienstag, 13 September 2016 13:01
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