Donnerstag, 01 September 2016 15:55

"Manchmal muss man sich streiten und manchmal muss man auch jemanden in den Arm nehmen" - Interview mit Dr. Hussein Hamdan

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Im Rahmen eines Seminars „Erwachsenenbildung in der Einwanderungsgesellschaft“ bei Dr. Christian Boeser-Schnebel wurden verschiedene Interviews mit Bildungsakteuren geführt.
Dr. Hussein Hamdan ist Islamberater. In Zusammenarbeit mit der Robert-Bosch-Stiftung und der Hochschule für öffentliche Verwaltung Kehl leitet er an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart das Projekt „Muslime als Partner in Baden-Württemberg – Information, Beratung, Dialog; Gesellschaft gemeinsam gestalten“. In diesem Interview geht es um die Projektvorstellung und um die Möglichkeiten, die das Projekt bietet.

Weitere Interviews aus der Reihe:
"Gib mir mal die Gieskanne“ - Interview mit Barbara Schulte
"Die Volkshochschule muss politischer werden" - Interview mit Prof. Dr. Ulrich Klemm
"Was da geschieht ist Bildung" - Interview mit Melinka Karrer


Welches Ziel verfolgt das Projekt und wer wirkt daran mit?


Das Projekt heißt „Muslime als Partner in Baden-Württemberg“, das heißt wir sind auf Baden-Württemberg begrenzt. Es gibt drei Partner: Die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, die Robert-Bosch-Stiftung und die Hochschule für öffentliche Verwaltung Kehl. Für die inhaltliche Arbeit bin ich verantwortlich und ich führe die Beratungen durch. In meinem Team arbeiten noch zwei Assistentinnen und ein Referent für den interreligiösen Dialog, welcher das Projekt in der ersten Phase begleitet.
Welches Ziel das Projekt hat? Vor diesem Projekt habe ich schon einmal ein Projekt durchgeführt: „Junge Muslime als Partner“, bei dem eine der wichtigsten Studien zur islamischen Jugendarbeit erstellt wurde, die immer noch sehr breit diskutiert wird. Seitdem ist man immer wieder von kommunaler Seite auf uns zugekommen. Zusammen mit der Robert-Bosch-Stiftung ist die Idee entstanden, zwei Jahre lang auszuprobieren, ob es nicht einen Islamberater geben kann, welcher kommunale Einrichtungen zu diversen Themen berät. Dabei geht es nicht nur um die Jugendarbeit, sondern um ein breites Themenspektrum. Themen sind zum Beispiel der Moscheebau, islamische Bestattungen, Flüchtlinge und auch Vermittlungen und Einbindungen zu muslimischen Gemeinden und vor allem die Einschätzung von muslimischen Gruppen. Was die Themen angeht bin ich sehr offen, denn was auf Interesse stößt, kann auch bearbeitet werden. Wir haben im Untertitel die drei Themen Information, Beratung und Dialog und diese Aspekte sind unsere Ziele.


Worin besteht Ihre persönliche Aufgabe in dem Projekt?


Neben meinen Erfahrungen im christlich-islamischen Dialog an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart habe ich u.a. in Tübingen im arabisch-amerikanischen Dialog mitgewirkt. Somit habe ich in verschiedenen Bereichen sehr viele Dialogformen erlebt. Auch meine Promotion hat sich thematisch mit dem christlich-islamischen Dialog beschäftigt. Ich merke, dass ich mit meiner Arbeit etwas beeinflussen kann. Es ist für mich mehr als nur ein Job. Es beeindruckt die Leute nicht, wenn ich mit angelesenem Wissen daherkomme oder wenn ich sachlich-nüchtern spreche. Manchmal muss man sich auch streiten und manchmal muss man auch jemanden in den Arm nehmen. Da gibt es verschiedene Wege wie man die Arbeit macht und ich mache es auf meine eigene Weise, worauf ich auch immer bestanden habe, weil ich es sonst nicht machen kann.
Ich habe selbst muslimisch arabischen Hintergrund und bin mit einer in Stuttgart geborenen Türkin verheiratet, aber ich bin eben auch seit 30 Jahren Deutscher. Ich merke, dass es noch sehr viele Vorbehalte und Vorurteile gibt, manchmal natürlich auch zu Recht, aber manchmal steckt mehr dahinter; sehr viel Fehlinformation oder Desinteresse. Daher beziehe ich meine Motivation.
Ich mache Beratungen seit Juli letzten Jahres, habe inzwischen 49 Anfragen erhalten und habe 43 Beratungen zu ganz verschiedenen Themen durchgeführt. Mit diesen Beratungen versuche ich Impulse zu setzen. Ich kann keine Lösungen finden, aber ich kann eben manchmal mit ganz einfachen Mitteln einen Impuls setzen.


Denken Sie, dass die Gesamtgesellschaft mit dem Projekt erreicht werden kann?


Auf kommunaler Seite gibt es immer wieder sehr große Skeptiker. Ich glaube, dass man aber durch das Projekt und durch die kommunale Arbeit sehr viele erreichen kann, da die Kommunen sich mit den aktuellen Situationen zurechtfinden müssen. Dabei kommen ganz verschiedene Themen oder Fragen auf, von den verschiedensten Leuten. So wie zum Beispiel die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehöre. Ich sage dabei gerne, dass der Islam nicht zur deutschen Identität, aber zur deutschen Realität gehört und somit auch zur Realität der Kommunen. Somit findet man dann entweder Lösungen oder man steht vor Problemen. Jede Kommune sollte an Lösungen interessiert sein. Es ist auch immer eine Chance für die Kommunen, wenn sich die Personen, die für sie arbeiten, in einem Gespräch von ein bis zwei Stunden öffnen, sich etwas anhören und sich beraten lassen. Es haben sich auch schon viele spannende Gespräche entwickelt, aber natürlich merke ich, dass es immer wieder Skeptiker gibt. Zum Beispiel war ich vor kurzem in einer kleineren Kommune, bei der es um das Thema Flüchtlinge ging. Ich habe selbst eine Fluchterfahrung; ich bin im Alter von sieben Jahren mit meiner Familie aus dem Bürgerkriegsland Libanon nach Deutschland geflüchtet. Dann gibt es oft diese Momente, bei denen ich bei den Leuten, die ein relativ privilegiertes Leben hatten, merke, wie fern Ihnen bestimmte Dinge sind, zum Beispiel, wenn sie darüber sprechen, wie sie sich verhalten würden und was sie tun würden, wenn sie flüchten müssten. Da erzähle ich immer gerne aus meiner Vita, da ihre Vorstellungen viel mit Traumvorstellungen zu tun haben und nicht mit der Realität. Aber im Großen und Ganzen erlebe ich sehr viel Dankbarkeit von den beratenen Stellen.


Was glauben Sie hält eine Gesellschaft zusammen?


Wir haben das Motto „Gesellschaft gemeinsam gestalten“ und dazu gehört einiges. Wir haben das Grundgesetz, das gilt für alle in der Gesellschaft und darauf müssen wir uns einigen. Das Grundgesetz muss uns zusammenhalten. Darüber gibt es für mich keine Diskussion. Dabei geht es nicht darum, dass Menschen gleich sein sollten, denn sie sind gleich. So regelt das Grundgesetz alles, an was wir uns halten sollten. Ich glaube eine Gesellschaft kann zusammengehalten werden, wenn jeder etwas tut. Jede Religionsgemeinschaft, jeder Verein, jede politische Vereinigung. Schwarze Schafe wird es immer geben, wir werden auch immer Probleme haben, aber ich denke, wenn wir uns auf bestimmte Dinge einigen können, kann ein Großteil der Gesellschaft durch diesen Wertekonsens zusammengehalten werden. Und wenn wir sagen, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, dann muss dies auch für Flüchtlinge gelten. Ich habe den Eindruck, dass es immer mehr Populisten gibt, die versuchen die Gesellschaft zu spalten und nicht eine solche Ansicht vertreten, was ich mit großer Sorge beobachte.


In welchen Kontexten erleben Sie den größten Beratungsbedarf?


Inhaltlich meistens bei der Einschätzung von muslimischen Gruppen. Wie kann man sie einschätzen, wie ist ihre Arbeit, wie kann man ihnen trauen und kann man mit ihnen zusammenarbeiten? Bei der Einschätzung von den muslimischen Gruppen besteht tatsächlich der größte Beratungsbedarf. Natürlich ist auch das Thema Flüchtlinge in verschiedenen Bereichen der Kommunen wichtig. So haben zum Beispiel die Fragen, wohin man die Flüchtlinge zum Beten schicken kann und was man mit den minderjährigen Flüchtlingen machen kann, eine hohe Relevanz in den Beratungen.
 

Geführt von: Annika Kühn

Gelesen 1106 mal Letzte Änderung am Montag, 24 Oktober 2016 11:37
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