Montag, 26 September 2016 13:42

"Was da geschieht ist Bildung" - Interview mit Melinka Karrer

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Im Rahmen eines Seminars „Erwachsenenbildung in der Einwanderungsgesellschaft“ bei Dr. Christian Boeser-Schnebel wurden verschiedene Interviews mit Bildungsakteuren geführt.
Melinka Karrer ist Trainerin und Coach an der bsct Akademie München. Im Rahmen ihrer Tätigkeit führt sie Seminare und Trainings zu den Themen Kommunikation, Konfliktmanagement, Persönlichkeitsentwicklung/ Wertefindung, Achtsamkeit, Teambuilding und interkulturelle Kompetenz durch. In diesem Interview spricht sie über Erwachsenenbildung und den Wert den diese für eine Gesellschaft darstellen kann.

Was ist für Sie Erwachsenenbildung?

Zunächst einmal gilt es das Wort zu trennen. Wir sprechen hierbei über die Zielgruppe der Erwachsenen und der Komponente Bildung. Mit der Zielgruppe der Erwachsenen wird eine Gruppe angesprochen, die im Vergleich zu Kindern schon viel Wissen und unterschiedlichste Lernerfahrungen mitbringt.
Der Begriff Bildung lässt sich, meiner Meinung nach, nicht a priori in einem Satz definieren, da diverse Bestandteile mitreinspielen. Bildung ist nicht nur die schulische Ausbildung oder der akademischer Grad, den Personen erreichen können, es geht vielmehr um den Erwerb von Wissen bzw. – und das möchte ich ganz besonders betonen – und die Bildung des Charakters, also der Entwicklung der persönlichen Fähigkeiten. Was bedeutet das exakt? Zum einen sprechen wir über die fachliche Bildung, den sogenannten hard facts, die bereits in jeglichen Ausbildungen fokussiert weiterentwickelt werden. Wenn ich allerdings über Charakterbildung spreche, begeben wir uns in ein Terrain, dass deutlich weniger greifbar ist im Vergleich zu den hard facts. Es geht hierbei um einen lebenslangen Prozess, welcher sich den Schlüsselqualifikationen – im Speziellen der sozialen und persönlichen und Selbstkompetenz - gezielt annimmt. Die Kombination aus hard und soft facts stellt somit den Bereich der Erwachsenenbildung dar, wobei – und das erfreut mich sehr – den soft facts bzw skills in den letzten Jahren deutlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. So schließt sich hier für mich der Kreis. Nach der eben genannten Begriffsbestimmung von Bildung, kann sie eine Tür öffnen, die zu mehr Toleranz und Offenheit führt, um die Menschen mehr zueinander rücken zu lassen. Doch ich möchte noch einen Schritt weitergehen. Wenn wir uns (weiter-)bilden egal in welchem Alter, beginnen die Rädchen in unserem Gehirn sich zu drehen. Was macht den Menschen wirklich aus? Was unterscheidet ihn von anderen Lebewesen? Es ist das Hinterfragen. Das Hinterfragen unseres eigenen Lebens, unserer Werte und deren Konsequenzen. Das Hinterfragen von unantastbarem Wissen oder Gesetzen. Erwachsenenbildung – und hier scheint es sich mehr zu einem Plädoyer als zu einer Definition zu wandeln – kann der Antrieb für Vielfalt sein. Menschen treffen aufeinander, diskutieren kontrovers, was da geschieht ist Bildung – in jeglicher Hinsicht. Dazu bräuchte es keine Lehrer, keinen Trainer und Seminarleiter, wenn wahres Interesse besteht, entsteht Erwachsenenbildung auch außerhalb organisierter Institutionen. Und damit möchte ich weder meinen Job noch andere nutzlos machen, doch ich will zeigen wie einfach alltägliche Bildung ist.


Wie sieht denn Ihre Tätigkeit im Bereich der Erwachsenenbildung aus?

Ich arbeite als Trainer und Coach in der bsct Akademie in München, die ihren Schwerpunkt in die persönliche und berufliche Weiterentwicklung der Menschen setzt. Als zertifizierter Bildungsträger sind wir in der Lage sehr unterschiedliche Kundenkreise anzusprechen. Angefangen im wirtschaftlichen Kontext, in dem wir diverse Trainings anbieten bis hin zu vom Europäischen Sozialfonds gestützten Maßnahmen. Folglich reicht unser Kundenspektrum von Führungskräften bis hin zu langzeitarbeitslosen Menschen, deren Ziel die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt ist. Ein Thema sticht in letzter Zeit ganz besonders heraus – was selbstverständlich durch die aktuelle gesellschaftliche Lage bestärkt und bestätigt wird – es handelt sich um die Sensibilisierung für interkulturelle Themen. Wie gesagt, führe ich Seminare für unterschiedliche Zielgruppen durch und arbeite auch mit Menschen zusammen, die in ihrem Alltag keine Angebote aus der Erwachsenenbildung wahrnehmen wollen oder können aus verschiedenen Gründen. Durch mehr Angebote oder Förderung durch Arbeitgeber könnte man ein breiteres Zielgruppenfeld für Bildungsformate gewinnen, um einen Reflexionsprozess anzustoßen. Deshalb sehe ich im Coaching und Training Bereich eine Chance Menschen für interkulturelle Themen zu sensibilisieren, die die „klassische“ Erwachsenenbildung nicht erreicht.


Können Sie ein Beispiel Ihrer Trainertätigkeit im interkulturellen Bereich beschreiben?

Ich führe zum Beispiel Interkulturelle Kompetenz Seminare für Dozenten und Verwaltungsmitarbeiter an Hochschulen durch, die viel mit internationalen Studierenden zu tun haben. Dabei arbeite ich sehr gerne mit der Critical Incident Technique, mit der die Chancen und Herausforderungen von kritischen interkulturellen Erfahrungen der Teilnehmer herausgearbeitet werden und die Perspektivenerweiterung gefördert werden soll.


Warum ist Erwachsenenbildung wichtig für eine Gesellschaft?

Wie ich bereits zu Beginn erwähnt hatte, steht Bildung für mich für einen lebenslangen Lernprozess. Demzufolge endet die Charakterbildung mehr oder minder niemals, so gibt es für mich immer einen Schritt, den man näher zu sich und dem Verständnis der Welt gehen kann. Aber lass Sie uns konkreter werden: In einer Welt, die von Flexibilität, Schnelllebigkeit und Leistung geprägt ist, erhält das Individuum einen neuen Stellenwert, der durchaus eine Herausforderung darstellt, aber eben genauso eine Chance mit sich bringt. Erwachsene bilden sich und schenken somit Bildung an ihre Mitmenschen. Die Vorbildfunktion, die einer jeder mit sich trägt, muss noch stärken in die Kopfe der Menschen gelangen, sodass ihnen ihre einzigartige Rolle in der Gesellschaft klar wird.


Wie kann in der heutigen Zeit der Umgang mit gesellschaftlichen Veränderungen und Vielfalt gelernt werden? Und wie kann die Dialogfähigkeit und Toleranz in einer Gesellschaft erhalten und gefördert wird?

Die grundsätzliche Problematik bei (gesellschaftlichen) Veränderungen ist, und da denke ich an das Modell von Riemann, dass Menschen Ängste bekommen, wenn sie etwas Neues nicht verstehen, kontrollieren oder vorhersehen können. Auf die gestiegene Zuwanderung in Deutschland haben viele Menschen mit Fremdenfeindlichkeit reagiert. Um dem entgegen zu wirken, braucht es mehr Information und Begegnungen zwischen den Menschen, die hier leben und den Menschen, die nach Deutschland zugewandert sind. Damit sich mehr Begegnungsräume entwickeln, müssten sich meiner Meinung nach viel mehr Kooperationen und Netzwerke unter den verschiedenen sozialen und Bildungseinrichtungen bilden und sich für die Vielfalt der Gesellschaft öffnen. Ehrenamtlich habe ich in einem Jugendzentrum in Augsburg ein Format mitentwickelt, das die Begegnung unterschiedlicher Altersgruppen und Kulturen fördert. Mit den Bewohnern (darunter Jugendliche, Familien, Senioren) einer benachbarten Flüchtlingsunterkunft und den Bewohnern in der Gegend um das Jugendzentrum wird zum Beispiel regelmäßig gemeinsam gekocht, sich ausgetauscht und kennengelernt. So kommt man ins Gespräch, lernt voneinander und entwickelt Verständnis für die Situation des anderen. Solche Begegnungen müssen Spaß und Freude machen, deswegen bin ich überzeugt, dass Integration neben klassischen Lehr- / Lernkontexten vor allem auch über Musik, Kultur, Sport und Mentoring/ Patenschaft Programmen gelingen kann. Zu lernen Eigenverantwortung zu übernehmen, sollte das große Ziel von Bildungsformaten sein. Wir müssen lernen was unsere eigene veränderbare Welt ist, denn wir sind nicht Schuld an dem was jetzt gerade passiert wie zum Beispiel der Krieg in Syrien, aber wir sind verantwortlich für die Gestaltung unserer Zukunft. Gerade in der Erwachsenenbildung ist es wichtig den Teilnehmern bewusst zu machen warum ein Thema für den Einzelnen von Bedeutung ist und, dass er auch die Möglichkeit und Verantwortung hat daran etwas zu ändern. Die Medien sind voll von negativen Nachrichten und lösen in vielen das Gefühl aus, dass sie an den Geschehnissen in der Welt ohnehin nichts ändern können. In meinen Trainings versuche ich den Teilnehmern klar zu machen was für einen Wirkungskreis ihr eigenes Handeln haben kann.

Geführt von: Franziska Seefried

Gelesen 1387 mal Letzte Änderung am Montag, 24 Oktober 2016 11:36
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