Mittwoch, 23 August 2017 03:07

"Meines Erachtens wird die Interkulturalität zu sehr am Rande thematisiert" - Interview mit Dr. Dessu Wirtu

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Im Rahmen eines Seminars "Erwachsenenbildung in der Einwanderungsgesellschaft" bei Dr. Christian Boeser-Schnebel wurden verschiedene Interviews mit Bildungsakteuren geführt. Herr Dr. Wirtu hat an der Universität Leipzig Erziehungswissenschaft und Philosophie studiert und promovierte über das Thema „Erwachsenenbildung und ethnische Politik: Zu Problemen bildungspolitischer und demokratischer Entwicklung in Ãthiopien“. Seit 2004 lebt und arbeitet er wieder in Äthiopien als Dozent an der Universität Addis Ababa. Im Sommersemester 2016 war er als Gastdozent an der Universität Augsburg tätig.

Was sagen Sie zu der momentanen Flüchtlingskrise in Europa in Bezug auf afrikanische Flüchtlinge?

Ich freue mich über die Aufnahme von so zahlreichen Flüchtlingen in Europa. Vielleicht haben die Menschen, die flüchten und auswandern mehr Chancen hier. Aber gleichzeitig habe ich Angst, dass zu viele junge Menschen abwandern. Außerdem befürchte ich, dass der Populismus in Europa steigt, durch zu viel Einwanderung und es zu einer Destabilisierung der Gesellschaften kommt. Als Lösung für die Flüchtlingskrise in Afrika, stelle ich mir eine Arbeit an den Fluchtursachen, in Form von einer gerichteten Entwicklungspolitik, vor. Bei dieser Entwicklungspolitik kommt es nicht nur darauf an Geld zu investieren, sondern diese Investitionen an Bedingungen zu koppeln, für welchen Bereich sie auszugeben sind. Außerdem sollten Nachweise erbracht werden müssen, wie und wo das Geld verwendet worden ist, um Korruption zu verhindern. Dafür ist eine bessere Zusammenarbeit mit afrikanischen Regierungen nötig. Europa soll eng mit afrikanischen Regierungen arbeiten und die Demokratisierungsprozesse in afrikanischen Staaten systematisch fördern. Resignation in Bezug auf afrikanische Politikverhältnisse ist weit verbreitet unter europäischen Politikern, die davon überzeugt sind, dass Demokratien in Afrika unmöglich seien. Nun ist das Problem an die Türe Europas gekommen, denn viele Menschen flüchten vor den politischen Verhältnissen in Afrika.

Wie könnte Deutschland von Einwanderung profitieren?

Wenn junge Einwanderer eine gute Ausbildung und Weiterbildung erlangen, kann Deutschland wirtschaftlich von ihnen profitieren. Ich bin auch davon überzeugt, dass Einwanderung die deutsche Kultur bereichert. Die Nachteile sind aber, dass sobald die Einwanderung eine gewisse Grenze überschreitet, gesellschaftliche Spannungen entstehen und die Wirtschaft belastet wird. Bei wirtschaftlichen Schwankungen wird dann zuerst die Schuld bei Flüchtlingen und Einwanderern gesucht. Als Beispiel kann ich Ihnen die Situation in Südafrika beschreiben, wo die Einwanderer aus den umliegenden afrikanischen Staaten von der einheimischen Bevölkerung umgebracht werden.

Wie sollte man in Deutschland mit Rassismus umgehen?

Deutschland muss wach bleiben und darf Rechtspopulisten keinen Raum bieten. Als Meinungsfreiheit dürfen nicht Unwahrheiten verkauft werden. Deshalb muss man bei Statistiken aufpassen, dass diese seriös durchgeführt werden, besonders wenn es um sensible Themen geht. Auch die Medien tragen eine gewisse Verantwortung wenn es um die Art ihrer Berichterstattung über Ausländer geht.

Haben Sie während Ihres Studiums oder Aufenthaltes in Deutschland Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit gemacht?

Nein, ich habe persönlich keine Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit gemacht. Auch nicht während meiner Studienzeit in Leipzig, sonst wäre ich nicht nach Deutschland zurückgekommen. Besonders hier in Augsburg ist es multikulturell, überall auf der Straße hört man unterschiedliche Sprachen. Auch hier habe ich nicht rassistische Situationen mitbekommen, ich würde mir wünschen, dass ganz Deutschland so wird und so bleibt.

Sie haben in Deutschland und Äthiopien gelehrt, wo liegen für Sie die größten Unterschiede zwischen den beiden Ländern in Bezug auf Erwachsenenbildung? Gibt es einen unterschiedlichen Fokus?

Es gibt große Unterschiede aufgrund des unterschiedlichen Entwicklungsniveaus. In Deutschland gibt es ein gut ausgebautes System der Erwachsenenbildung, die Struktur beinhaltet mehrere Anbieter. In Äthiopien hat die moderne Erwachsenenbildung eine relativ kurze Geschichte. In Äthiopien gibt es an sieben Universitäten den Bachelorstudiengang der Erwachsenenbildung und an drei Universitäten die Möglichkeit einen Master zu machen. Die deutschen Universitäten sind besser ausgestattet und die Studenten sind selbstbewusster und kritischer. Die Studenten in Deutschland sind auch sehr respektvoll, ich habe hier viele Vorträge gehalten und sehr positive Erfahrungen gemacht. Sie sind sehr diszipliniert und interaktiv, sie stellen Fragen, machen kritische Bemerkungen. In Äthiopien sehe ich dagegen ein kulturell bedingtes Verhalten der Zurückhaltung. Die Studenten, die vom Land kommen, haben Angst Fragen zu stellen oder Kritik zu äußern. Die Teamfähigkeit an deutschen Universitäten ist auch ausgeprägter ebenso die Transparenz. Ich wurde hier an der Universität Augsburg sehr gut unterstützt und die Atmosphäre war sehr angenehm. Die Erwachsenenbildung dient in Äthiopien auch dazu, Menschen von ländlichen Regionen zu alphabetisieren und Grundkenntnisse über Hygiene und Gesundheit, wie beispielsweise die Gefahren von AIDS, zu vermitteln.

Wie sehen Sie die Stellung der Interkulturellen Kompetenz in der Erwachsenenbildung?

Meines Erachtens wird die Interkulturalität zu sehr am Rande thematisiert, sie muss ernster genommen werden. Nicht nur in der Erwachsenenbildung sondern auch im Kindergarten und allen Schulstufen müssen deutsche und ausländische Kinder lernen, mit der Idee der Interkulturalität aufzuwachsen. Auch müssen Ausländer lernen zu akzeptieren, dass sie Ausländer sind. Entweder müssen sie zurück in ihre Heimat gehen, so wie ich es gemacht habe, oder sich damit auseinandersetzen in einem anderen Land zu leben und die dortige Verfassung akzeptieren. Sie müssen sich in Deutschland integrieren lassen, egal aus welchem Land sie ursprünglich stammen. Erwachsenenbildnerische Kurse zur Integration sollten somit Landeskunde beinhalten und sich mit der Verfassung beschäftigen, es darf sich nicht nur auf die Vermittlung der deutschen Sprache konzentriert werden. In der Lehrerausbildung Deutsch als Fremdsprache sollten deswegen auch Kurse zur Landeskunde von Deutschland, Politik und zur Verfassung verpflichtend sein. Die deutschen Studenten der Erwachsenenbildung sollten für ihre Bachelorarbeiten verpflichtet werden einen größeren Praxisbezug herzustellen und beispielsweise Zeit in Vierteln mit einem hohen Ausländeranteil zu verbringen, mit den Menschen zu reden. Sie sollten direkt in der Praxis sehen, wo die Bildungsbedürfnisse der Menschen mit Migrationshintergrund liegen.

Wie denken Sie, kann eine Spaltung in der deutschen Gesellschaft zwischen Befürwortern und Gegnern der Aufnahme von Flüchtlingen verhindert werden?

Meinungsunterschiede sind immer vorhanden, nicht alle Menschen in Deutschland sind Verfechter der Demokratie. In gewissem Maße können sie toleriert werden, sie dürfen in ihrer Anzahl nicht zu viele werden. Aufklärungsarbeit ist immer wichtig, auch mit Menschen die wirklich hassen. Die Aufklärungsarbeit müsste über die Menschen die hierher kommen, über die Gründe der Flucht passieren und warum Deutschland für sie verantwortlich ist. Deutschland hat sein Image in der Welt durch die Aufnahme der vielen Flüchtlinge stark verändert, das Bild in Äthiopien von Deutschland hat sich zum Beispiel sehr stark zum Positiven verändert. Nun muss eine Spaltung der Gesellschaft verhindert werden. Beispielsweise können Diversity-T age auf kommunaler Ebene ausgerichtet werden. Informationen über Menschen mit Migrationshintergrund sollten mehr verbreitet werden und positive Beispiele der Integration hervorgehoben werden.

 

Geführt von Hannah Umland.

Gelesen 109 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 23 August 2017 14:11
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