Dienstag, 15 Oktober 2013 00:00

Über "dumme Bürger" und "feige Politiker" - Eine Streitschrift

geschrieben von  Dr. Tanja Zinterer
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„Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient“ (Joseph de Maistre) – auf diese plakative Formel ließe sich stark vereinfachend die These der Streitschrift von Christian Boeser und Karin Schnebel reduzieren. Sie stellt sehr klug einen Kausalzusammenhang her zwischen der Politikerverdrossenheit der Bürger (und Bürgerinnen) und einer Politik, die kurzsichtig und nur auf Wahlgewinne ausgerichtet ist und macht damit die Bürger selbst verantwortlich für die beklagte Bürgerferne der Politik.
Schon Alltagsgespräche über Politik haben eine Auswirkung – so die These der Streitschrift. Daher lässt sie sich als Diskursanalyse einordnen, die von der wirklichkeitskonstituierenden Wirkung gesellschaftlicher Diskurse ausgeht – und dass diese Annahme gerade im Falle der Politikerverdrossenheit nicht von der Hand zu weisen ist, wird im Buch eindrucksvoll belegt.

 

Im ersten Teil wird der Diskurs an sich dargestellt, wobei ein Kategoriensystem der Stammtischparolen entwickelt wird, von pauschalisierenden Aussagen bis zu Parolen aus Unkenntnis heraus. Recht unterhaltsam sind die zahlreichen Beispielzitate, die u.a. aus Befragungen im Rahmen eines Seminars an der Uni Augsburg stammen.

Weitaus hellsichtiger ist allerdings der zweite Teil, der die Folgen der allgemein grassierenden Politikerverdrossenheit darstellt und dabei Anleihen aus der Wirtschaftswelt nimmt: Die zunehmende „Bürgerverdrossenheit“ der Politiker wird mit deren innerer Kündigung begründet, eine Folge der grassierenden Politikerfeindlichkeit und des allgemeinen Unverständnisses ihrer Arbeit gegenüber. Eine weitere gravierende Folge sind Rekrutierungsprobleme der Parteien, da parteipolitisches Engagement als „leicht perverses Hobby“ angesehen wird, was den Rekrutierungspool für Politiktalente immens einschränkt – ein Phänomen, das auch aus dem Frauenfußball bekannt ist.Der dritte Teil geht zunächst auf Begründungen der allgemein verbreiteten Politikerverdrossenheit ein, hier werden endlich die Medien ins Spiel gebracht, die als Mittler zwischen Bürgern und Politikern hier sicher eine Hauptverantwortung tragen. Aber auch die politische Bildung wird zur Verantwortung gezogen, sowohl die außerschulische politische Bildung, die viel zu wenige Menschen erreicht, als auch der Politikunterricht, der als „Faktenhuberei“ oder zu simplifizierend empfunden wird. Jedoch wird der Bürger (und die Bürgerin) nicht nur als Objekt, sondern v.a. auch aus Subjekt gesehen: So werden auch sozialpsychologische Gründe angeführt, die jeden Einzelnen daran hindern, klar politische Position zu beziehen. Dementsprechend richten sich die meisten der Verbesserungsvorschläge auch an den Bürger selbst: Zwar werden auch Pflichtpraktika im Bundestag für Politikjournalisten und Politiklehrer gefordert, ansonsten wird jedoch vor allem ein Umdenken des Bürgers angeregt. Um einen so weitverbreiteten, seit langem etablierten Diskurs zu verändern, braucht es allerdings mehr als einen Appell an den Verstand der Bürger. Zudem gilt es unter dem Eindruck der neuen Erwachsenen-Pisa-Studie (Piaac-Studie der OECD) zu bezweifeln, dass das Niveau politischer Gespräche wirklich so viel niedriger ist als das allgemeine Bildungsniveau. Vielmehr kann die Niveaulosigkeit politischer Diskussionen auch als Ausdruck einer allgemeinen Bildungsmisere gesehen werden.

Im Schluss relativieren die Autoren ihre bisweilen leicht belehrend wirkenden Ausführungen, indem sie vier Bürgertypen entwickeln – vom desinteressierten bis politisch aktiven Bürger – und jedem seine Existenzberechtigung zugestehen. Dies erinnert sehr an das Konzept der „civic culture“ von Almond und Verba, die als Mischtyp aus unterschiedlich interessierten und aktiven Bürgern perfekt für eine Demokratie gilt. Das ganze Buch hindurch argumentieren die Autoren so konsequent demokratisch, vor allem wenn dem Bürger als Souverän die Verantwortung für das politische System, in dem er lebt, zugesprochen wird. So hat das Buch den denkbar größten Leserkreis: Neben Praktikern aus der politischen Bildung alle politisch interessierten, mündigen und aktiven Bürger – und solche, die es werden wollen.en Appell an den Verstand der Bürger. Zudem gilt es unter dem Eindruck der neuen Erwachsenen-Pisa-Studie (Piaac-Studie der OECD) zu bezweifeln, dass das Niveau politischer Gespräche wirklich so viel niedriger ist als das allgemeine Bildungsniveau. Vielmehr kann die Niveaulosigkeit politischer Diskussionen auch als Ausdruck einer allgemeinen Bildungsmisere gesehen werden.


Dr. Tanja Zinterer, Akademische Rätin am Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München

 

 

 

Gelesen 1698 mal Letzte Änderung am Samstag, 13 September 2014 10:20
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