Montag, 12 September 2011 00:00

Politische Bildung auf Länderebene: Ein Vergleich

geschrieben von  Andreas Weiß
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Die Politische Bildung in Deutschland wurde im Rahmen der Studie "Monitor für politische Bildung" auf den Prüfstand gestellt. Es wurde genau analysiert, welchen Voraussetzungen sowohl schulische als auch außerschulische Bildungsbereiche ausgesetzt sind und auf Basis der Ergebnisse ein Vergleich zwischen den Verwaltungsebenen gezogen. Darüber hinaus wurden auch gesellschaftliche Faktoren wie Kirche und Gewerkschaften ins Auge gefasst, um schließlich Erfolge wie auch Verbesserungsbedarf aufzuzeigen.

Durch die föderale Organisation des deutschen Bildungssystems und anderer Verwaltungsapparate lassen sich zwischen den Bundesländern deutliche Unterschiede erkennen. Diese zeichnen sich am besten entlang der Institutionen, welche politische Bildung vermitteln, ab. Wichtig zu bemerken ist hierbei, dass durch die daraus resultierende Rangliste keine qualitative Einstufung des jeweiligen Engagements von Bundesländern und deren Personal vorgenommen wurde.

 

   

Landeszentralen für politische Bildung

Die Landeszentralen für politische Bildung der Bundesländer haben die Aufgabe, mittels der Verbreitung relevanter Publikationen das demokratische Verständnis und die politische Selbstständigkeit der Bürger zu unterstützen. Bei der Untersuchung waren hierbei vor allem die Ausgaben der Landeszentralen von Bedeutung und sollten somit den finanziellen Aufwand pro Kopf bemessen. Die Gesamtausgaben der Landeszentralen erreichten in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Hessen und Bayern Spitzenwerte mit drei bis zu sechs Millionen Euro – im Schnitt betragen die jährlichen Aufwendungen der Länder etwa zwei Millionen.

Um eine Vergleichbarkeit der Werte möglich zu machen, wurden die Aufwendungen mit den jeweiligen Einwohnerzahlen auf einen Pro-Kopf-Betrag kalkuliert. Hierbei zeigte sich schließlich, dass kleine Bundesländer eher in der Lage sind, für den einzelnen Bürger mehr finanzielle Mittel einzuplanen. Während der Bundesdurchschnitt bei etwa 52 Cent lag, wendeten Bremen und Mecklenburg-Vorpommern für deren Einwohner über einen Euro auf. Die bevölkerungsreichsten Bundesländer blieben teils deutlich unter dem Mittelwert.

Kinder- und Jugendhilfe

Das Ziel der außerschulischen Kinder- und Jugendhilfe besteht in der Vermittlung von Wissen über die individuellen Rechte und Pflichten gegenüber der Gesellschaft und in der Erziehung zur Partizipation an politischen Prozessen. Die erhobenen Daten beschrieben die Anzahl der Maßnahmen in der Kinder- und Jugendhilfe und der internationalen Jugendarbeit mit Elementen der politischen Bildung. Erfasst wurden hiervon nur Initiativen, die mit öffentlichen Geldern finanziert wurden.

Auch hier wurden vergleichbare Werte erreicht, indem die Anzahl der durchgeführten Maßnahmen in Relation zur Bevölkerung berechnet wurden. So kam es im Schnitt zu etwa 0,16 Aktionen auf 100 Jugendliche. Die Statistik dominiert einzig Berlin, das doppelt so viele Initiativen vorweisen kann. Andere Bundesländer gruppieren sich um den Mittelwert, einzig Sachsen-Anhalt und Bayern fallen dahinter zurück. Diese Werte setzen sich in der Betrachtung der relativen Teilnehmerzahlen fort: In Berlin und Hamburg beteiligten nahezu ein Sechstel aller Jugendlichen bei Jugendbildungsmaßnahmen, der Schnitt liegt bei etwa 6,5%, wobei die meisten Bundesländer und auch Bayern mit wenig über 4% darunter liegen. Darüber hinaus wurde erneut erfasst, wie hoch sich die Ausgaben für Aktionen der Jugendarbeit pro Kopf belaufen. Der Großteil der Länder wendet hierbei 40-50€ auf, während Hessen, Hamburg, Bremen und Berlin deutlich mehr ausgeben.

Der reale Anteil an politischer Bildung in den einzelnen Unternehmungen ist schwer zu messen, und zusammen mit dem Problem, dass pauschale Zuwendungen nicht erfasst werden können, schränkt dies die Aussagekraft der Statistik ein.

Schule und Universität

Da Bildung Ländersache ist, zeigte der Vergleich der Bundesländer Unterschiede im Stellenwert der politischen Bildung auf. Die Komponente der politischen Bildung in den Schulen wurde analysiert, indem zunächst die Fächer, die relevanten Inhalt aufweisen, ausgefiltert wurden. So konnte veranschaulicht werden, wie viel Zeit den einzelnen Fächern und somit der Vermittlung politischer Kenntnisse gewidmet werden. Dies erwies sich durch die heterogene Lehrplangestaltung schwierig.

Besonders in der Grundschule war es problematisch, überhaupt zu identifizieren, in welchen Fächern politisch gebildet wird. Im Durchschnitt kam es in den ersten Schuljahren zu 0,67 Jahreswochenstunden, in denen politische Bildung vermittelt wurde. Unterschiede zwischen den Ländern sind relativ gering, Bremen, Thüringen und Baden-Württemberg fallen hierbei jedoch leicht zurück. In der Hauptschule kommt der Anteil der politischen Bildung durchschnittlich nur auf 0,75 Wochenstunden, während die Spanne hierbei höher als in der Grundschule ausfällt. In Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, dem Saarland und Hessen tritt politische Bildung im Hauptschulunterricht seltener in Erscheinung als im restlichen Deutschland. Die Spitze der Statistik bildet Bremen und Mecklenburg-Vorpommern mit deutlich über einer Jahreswochenstunde. In der Realschule besitzt die politische Bildung im Schnitt ähnlich viel Gewicht, in Sachsen und Bayern sinkt die Relevanz allerdings deutlich. Im Gymnasium schließlich erreicht der Stellenwert der schulischen politischen Bildung mit etwa 0,66 Jahreswochenstunden seinen Tiefststand. Es besteht hierbei jedoch erneut eine große Spannweite der Werte zwischen den Ländern: Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Berlin überbieten den Mittelwert deutlich, während Sachsen, Thüringen und Bayern auf die letzten Plätze fallen.

Die Autoren der Studien diagnostizieren eine zunehmende Marginalisierung der politischen Bildung an Schulen, die sich unter anderem in der Zusammenlegung mit weiteren Schulfächern zeigt.

Bei der schulischen Vermittlung politischer Bildung spielen die Lehrkräfte eine große Rolle. Aus diesem Zusammenhang heraus wurde auch die Lehrerausbildung untersucht, und die Studie somit auf die Universitäten ausgeweitet. Hierfür wurde zum einen die Anzahl der Professuren für Politikdidaktik ermittelt. Zum anderen wurde die Zahl der Gymnasial-Lehramtsstudenten, die Fächer mit dem vorrangigen Ziel der politischen Bildung studieren, erhoben. Überdies wurde die Zahl der Universitäten mit Lehramtsstudiengängen in Relation zu den vorhandenen relevanten Professuren gesetzt.

Das Ergebnis zeigte große Unterschiede auf der Länderebene. Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen beherbergen gemeinsam über ein Drittel aller Studierenden, die zukünftig politisch bilden. Bayern, Berlin, Hessen und Rheinland-Pfalz weisen jeweils deutlich über 500 Studenten auf. Die restlichen Länder fallen hinter diesen Zahlen weit zurück. Das Verhältnis von Universitäten, an welchen diese zukünftigen politischen Bildner studieren, zu den Professuren für Politikdidaktik zeigt in den acht Bundesländern ein negatives Ungleichgewicht. Es bleibt zu bemerken, dass nur etwa die Hälfte aller untersuchten Universitäten eine Professur für Politikdidaktik aufweisen können.

Das Länder-Ranking

Die Ergebnisse zu den verschiedenen Bereichen der politischen Bildung in den einzelnen Länder bilden die Grundlage für eine Rangliste. Hierbei entstand einerseits ein ungewichtetes Ranking, und andererseits ein nach geschätzter gesellschaftlicher Relevanz der einzelnen Bereiche gewichtetes Ranking. Letzteres bildet das eigentliche Ergebnis des Monitors, da hierbei der reale Einfluss berücksichtigt wird. Die Bewertungsgrundlage für die Gewichtung setzte sich wie folgt zusammen:

  • 20% der Gewichtung entfiel auf die Landeszentralen für politischen Bildung. Die einbezogenen Daten werden durch die Gesamtausgaben pro Person gebildet.
  • 20% der Gewichtung entfiel auf die Universitäre Lehrerausbildung im Sinne der politischen Bildung. Relevant werden hierbei der Anteil Studierender, die im Beruf vornehmlich politisch bilden werden und die Zahl der Universitäten, die ein solches Studium anbieten, im Verhältnis zur Einwohnerzahl des Landes.
  • 20% der Gewichtung werden durch die Ausgaben für Kinder- und Jugendhilfe bestimmt. Auch hier sind die Pro-Kopf-Ausgaben der Länder in der internationalen Jugendarbeit und außerschulischen Jugendbildung ausschlaggebend.
  • 40% der Gewichtung schließlich bildet die politische Bildung in Schulen. Grundlage der Bewertung bilden die Anteile der politischen Bildung in Grund-, Haupt-, Realschule und Gymnasium. Der höhere Stellenwert erschließt sich aus der Schulpflicht und somit dem flächendeckenden und langwierigen Einfluss.

Mit dieser Grundlage konnte eine Rangliste der Bundesländer erstellt werden. Den ersten Platz belegt Mecklenburg-Vorpommern, dicht gefolgt von Bremen und Hamburg.

01 Mecklenburg-Vorpommern
01 Bremen
03 Hamburg
04 Rheinland-Pfalz
05 Brandenburg
06 Berlin
07 Nordrhein-Westfalen
08 Hessen
09 Baden-Württemberg
10 Sachsen-Anhalt
11 Schleswig-Holstein
12 Niedersachsen
13 Thüringen
14 Saarland
15 Bayern
16 Sachsen
Das unterdurchschnittliche Abschneiden Bayerns begründet sich vornehmlich aus der niedrigen Rolle der politischen Bildung in Realschule und Gymnasium. Die weiteren Defizite in der Kinder- und Jugendhilfe konnten durch die besseren Werte in der Lehrerausbildung nicht ausgeglichen werden.

Quelle:

Lange, Dirk: Monitor politische Bildung. Bonn, 2010

 

 
Gelesen 1476 mal Letzte Änderung am Montag, 08 September 2014 12:23
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