Donnerstag, 19 Mai 2011 00:00

Migration und Alltag. Unsere Wirklichkeit ist anders - Lange, Polat (Hrsg.)

geschrieben von  Christian Fey
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Die Frage, ob und inwiefern Deutschland ein Einwanderungsland ist, um die in den 1990er Jahren und teilweise auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch polemisch gestritten wurde, hat insgesamt gesehen in den letzten Jahren in der gesellschaftlichen Diskussion ein gehöriges Maß an Nüchternheit gewonnen. Dies liegt sicher unter anderem daran, dass man sich von wissenschaftlicher Seite aus zunehmend des Themas angenommen hat und in einer Reihe von Studien und Ausarbeitungen zwar nicht alles gesagt hat, was zum Thema Migration in Deutschland zu sagen ist, aber doch eine Menge. Angesichts der Tatsache, das in Deutschland inzwischen über 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben (je nachdem, welche Kriterien angelegt werden auch mehr), stellt sich demnach gegenwartsperspektivisch die Frage nach der Bedeutung und nach dem konstruktiven Umgang mit den Gegebenheiten. Hier leistet der kürzlich erschienene Titel "Migration und Alltag", der von Dr. Dirk Lange, Professor für Didaktik der Politischen Bildung an der Leibniz Universität Hannover, und Dr. Ayca Polat, Integrationsbeauftragte der Stadt Oldenburg, einen Beitrag, der den Versuch unternimmt, den unterschiedlichen bzw. vielfäligen Perspektiven auf das Phänomen "Migration" Gehör zu verschaffen und dabei die Spanne zwischen wissenschaftlicher Theorie und Praxis der politischen Bildung zu halten.

 

Inhalt und Konzeption

Als für die Beiträge von "Migration und Alltag" tragenden bzw. verbindenden Begriff wählen Lange & Polat sich das Konzept des "Bürgerbewußtseins" aus. Es geht ihnen unter anderem darum, den Wandel dieses Bewußtseins zu beschreiben, und unter einer Perspektive der Zukunft Richtungen herauszuarbeiten, wie politische Bildung hier in positiver und konstruktiver Weise Einfluß nehmen kann. Das handlungsorientierte Schlagwort für die Praxis politischer Bildung bennen sie folgerichtig als "Bürgerbewußtseinsbildung". Politische Bildung, die sich im Kontext eines Einwanderungslandes vollzieht, wird von Lange & Polat pointiert als "migrationspolitische Bildung" neu gefasst bzw. in ihrem Selbstverständnis erweitert. Damit wird weniger die Theorie, vor allem aber die Praxis politischer Bildung in ihrem status quo hinterfragt, ein wohl berechtigter, im Mindesten aber für die persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema reizvoller Anspruch.

"Dieses Buch geht von der Prämisse aus, dass die politische Bildungspraxis eine Bürgerbewußtseinsbildung zum Ziel hat, die zum einen zu mehr Verständnis und zur Akzeptanz von einwanderungsbedingten Veränderungsprozessen in der deutschen Gesellschaft befähigt und zum anderen durch verbesserte Orientierung in der Migrationsgesellschaft die Mündigkeit von Bürgerinnen und Bürgern im Kontext des gesellschaftlichen Wandels erhält und fördert"

Die Herausgeber gliedern die insgesamt 29 Beiträge unterschiedlich(st)er Autoren in die vier Kapitel: "Apekte des Bürgerbewußtseins","Integrationskonzepte in Politik und Wissenschaft","Konzepte politischer Bildung", "Aus der Praxis politischer Bildung".

Um es vorwegzunehmen: Die Vielfalt der Beiträge lässt eine systematische Dartstellung in diesem Rahmen nicht zu. So ist eine der Stärken des Buchs, nämlich die von den Autoren bewußt gewählte Heterogenität der einzelnen Artikel und Beiträge, zugleich auch seine Schwäche. Die thematische Gliederung ist gut nachvollziehbar, aber unter einer systematischen Perspektive sind die o.g. Kapitel nicht ohne weiteres (z.B. nicht ohne ein gewisses Überblickswissen für den jeweiligen Bereich) zu lesen. Die Konzeption von "Migration und Alltag" gleicht daher eher der eines Readers bzw. eines Werkbuchs, das sich für den selektiven Zugang je nach individueller Kenntniss und Interessanlage eignet. Die Autoren machen damit sowohl im Inhalt der Beiträge als auch in der Wahl der Textformen deutlich: Migration ist (auch) in Deutschland kein homogenes Phänomen, ist komplex, facettenreich und nicht im Vorübergehen abzuhandeln.

In "Migration und Alltag" finden sich essayistisch-journalisitisch beiträge, wie z.B. der Beiträg "Meine Heimat ist Deutschland, sofern man es meine Heimat sein lässt" von Canan Topcu, Redakteuring bei der Frankfurter Rundschau, in dem sie auch unter dem Eindruck persönlicher Ausgrenzungserfahrungen die Frage und die Forderung nach echten Integrationsanreizen fernab von formalisierten Integrationsbemühungen (Stichwort: Einbürgerungstest) aufwirft, und dabei aufzeigt das Integration letztlich nicht allein eine Leistung des "zu Integrierenden" ist. Es werden aber auch methodisch-wissenschaftliche Abhandlungen präsentiert, die – wie die Sinus-Milieu-Studie des Sinus Sociovision Instituts - auf der Basis empirischer Erhebungsergebnisse ein Migranten-Milieumodell beschreibt, das zeigt, wie unterschiedlich Menschen mit Migrationshintergrund in Detuschland im Blick auf ihre soziale Lage und ihre Grundorientierung aufgestellt sind. Solche Ergebnisse können und sollten sicherlich weiter zur Versachlichung der Diskussion um Migration in Deutschland beitragen.

entnommen aus Merkle, T. (2011): Lebenswelten in Detuschland. Ergebnisse aktueller Studien von Sinus Sociovision. aus: Lange, D. & Polat, A. (Hrsg.): Migration und Alltag. Unsere Wirklichkeit ist anders.

Im Rahmen der Darstellung der unterschiedlichen Integrationskonzepte in Politik und Wissenschaft findet sich das Transkript eines Gesprächs zwischen der SPD-Politikerin Lale Akgün und dem CDU-Politker und ehemaligen hessischen Innenminister Volker Bouffier indem um die Schlag- und Reizworte der "Parallelgesellschaft" und der "Leitkultur" die untersschiedlichen Positionen beider Politiker in diesen Fragen auf zugleich sachliche und prägnante Art und Weise zur Geltung kommen. Im Rahmen der Beiträge zur Praxis politischer Bildung werden teils (Bildungs-)Konzepte – wie etwas Konzept der Intersektionalität in seiner Anwendung für die politische Bildung - und auch konkrete Projekte – wie z.B. das Berliner Film- und Ausstellungsprojekt "Unser Ausland" vorgestellt.
Den Beiträgen wird abschließend ein Datenvergleich zur Lage der politischen Bildung in den Bundesländern an die Seite gestellt, der auf Datenmaterial des "Monitor politische Bildung" der Bundeszentrale für politische Bildung basiert. Zwar geht es hier nicht spezifisch um Themen politischer Bildung, die im Zusammenhang mit Migration stehen, aber es wird die allgemeine Bedeutung der politischen Bildung und die Notwendigkeit ihrer staatlichen Förderung unterstrichen. Unter Berücksichtigung der Indices "Landeszentralen für politische Bildungsarbeit", "politische Bildung in der universitären Lehrerausbildung", Ausgaben der Länder im Rahmen der Kinder und Jugendhilfe (pro Kopf)", "Politische Bildung in den Schulen" wird von den Autoren ein Ranking der Bundesländer erstellt, bei dem das Bundesland Bayern vor Sachsen den vorletzten Platz belegt – angeführt wird das Ranking von den Bundesländern "Mecklenburg-Vorpommern, Bremen und Hamburg.
Insgesamt erleichtert die in einigen Beiträgen bereitgestellte Erläuterung von zentralen Stichworten, Eckdaten, Gesetzesbeschlüssen, historischen Ereignissen, etc in Textkästen das Lesen und Verstehen gerade für Leser, die sich bisher noch nicht intensiv mit dem Thema Migration in Deutschland beschäftigt haben.

Fazit

"Mündige Bürgerschaft wird zukünftig auf interkulturelle Kompetenzen angewiesen sein", so bringen die Autoren den Anspruch und die Forderung der von Ihnen beschriebenen Einwanderungsgesellschaft an die Praxis der politischen Bildungsarbeit auf den Punkt. Das Ziel des Buches, eine "differenzierte Darstellung der Probleme, Perspektiven und Kontroversen in der deutschen Einwanderungsgesellschaft" zu leisten ist sicher erreicht, was aber nicht im Sinne einer endgültigen oder abschließenden Analyse verstanden werden will und kann. In Folge der Anerkennung der Tatsache, dass die Bundesrepublik Deutschland ein Einwanderungsland oder anders gesagt eine "Einwanderungsgesellschaft" ist, ergibt sich ein Bedarf für die Qualifikation von "Bildungspersonal", dass mit diesem Umstand konstruktiv und zielgeleitet umgehen kann. Dieses "Bildungspersonal" kann dann auch als Hauptzielgruppe für die Rezeption von "Migration und Alltag" für eine gewinnbringende und horizonterweiternde Lektüre angesehen werden. Der Titel kann über den Wochenschau Verlag bezogen werden. 

Gelesen 1702 mal Letzte Änderung am Sonntag, 23 November 2014 13:51
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