Mittwoch, 04 März 2015 10:59

Politikunterricht als Möglichkeitsraum. Perspektiven auf schulische politische Bildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

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„Die Protagonisten der Migration selbst kommen also eher selten zu Wort“

 Gessner 2014, S. 5

Noch immer dominiert eine strukturell-gesellschaftliche Perspektive wenn es um Diskurse zum Thema Migration geht. Im Bezug auf eine pädagogisch-didaktische Ebene wird eine differenzierte Betrachtung der mit Migration und Einwanderung in Zusammenhang stehenden Phänomene immer dringlicher. In den Vordergrund drängt sich zunehmend die Frage danach, wie Individuen spezifische Erfahrungen vor dem Hintergrund individueller, biographischer Migrationsgeschichten verarbeiten. Auch die Didaktik der politischen Bildung hat sich bisher kaum mit der Rezeption von politischer Bildung durch Menschen mit Migrationshintergrund angenommen.

Susan Gessner, Hochschulrätin im Hochschuldienst am Institut für Schulpädagogik und Didaktik der Sozialwissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen beschäftigt sich im Rahmen ihrer vorliegenden Dissertation: „Politikunterricht als Möglichkeitsraum“. Perspektiven auf schulische politische Bildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund“, mit der Frage wie Jugendliche mit Migrationshintergrund politische Bildung im schulischen Kontext rezipieren bzw. erleben.

Das Buch gliedert sich in sieben Teile. Zunächst wird ein Überblick über „Erziehungswissenschaftliche Diskurse im Kontext von Migration“ gegeben. Darauf aufbauend werden „Politische Bildung, Didaktik und Migration“ miteinander verknüpft und in Beziehung gesetzt. Dabei werden aktuelle Diskurse, empirische Forschungsergebnisse und Konsequenzen für das Lehren und Lernen in heterogenen Gruppen berücksichtigt. In Kapitel 3 stellt die Autorin ausführlich die „Methodische Grundlegung und den Forschungsprozess“ dar. Anschließend wird sich, durch Rückgriff auf soziologische Perspektiven, dem Modell eines „Möglichkeitsraumes – ein heuristisches Konzept“ genähert. Dem folgen ausführliche „Fallanalysen“, welche einen Einblick in den Forschungsprozess und dessen Auswertung ermöglichen. Verknüpft mit Beispielen aus den Fallanalysen wird in Kapitel 6 auf „Politik als Möglichkeitsraum“ eingegangen. Zuletzt reflektiert die Autorin „Problematische Ausgangslagen für schulische politische Bildung“.

Das allgemeine Forschungsinteresse fokussiert sich auf eine schulische politische Bildung, die auf ihre Adressaten als Individuen mit unterschiedlichen Ausgangslagen, Vorstellungen und Lerninteressen einzugehen vermag. Diesbezüglich stellen sich folgende Fragen (Gessner 2014, S. 79):

 

  • Wie erleben Jugendliche mit Migrationshintergrund politische Bildung in der Schule und welche Erwartungen haben sie an das Fach?
  • Inwiefern nehmen die Jugendlichen dabei Bezug auf ihren Migrationshintergrund?
  • Wie gut oder schlecht schließen die Lernangebote im Politikunterricht an die Vorstellungen und Lerninteressen der Jugendlichen an?
  •  Welches Augenmerk richten die Jugendlichen auf den Politikunterricht, d.h. worüber reden sie bzw. worüber reden sie nicht?
  • Welche Bedingungen des Unterrichts und der am Unterricht Beteiligten spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle?

 

Die Methodologie der Datenerhebung und –auswertung stützt sich auf Grundlagen der „Grounded Theory“. Durch empirisch qualitative Leitfadeninterviews wird das biographische Gewordensein der Jugendlichen untersucht. Besonderes Interesse im Rahmen der Auswertung gilt ihrem jeweilig individuellen Wissen, ihren Deutungen und ihren Sichtweisen zu politischer Bildung, die durch den Politikunterricht vermittelt werden. Daraus ergeben sich vier Bereiche, welche innerhalb der Studie genauer in den Fokus genommen werden: Selbstwahrnehmung und Positionierung der Jugendlichen, Verarbeitung von Inhalten, Wahrnehmung und Bewertung der sozialen Situation Politikunterricht und zuletzt die Bedeutsamkeit, die dem Politikunterricht verliehen wird. Mittels der vier Auswertungsbereiche werden die Interviews in ihren spezifischen typologischen Merkmalen in ein jeweils spezielles Raum-Konzept überführt (vlg. Gessner 2014, S. 285). Im Rahmen der Analyse entstehen dabei neun Räume welche Haltungen und Positionierungen der interviewten Jugendlichen im Bezug auf ihren Politikunterricht widerspiegeln. Diese entstandenen Räume vergleicht die Autorin miteinander. So stellt die den „verschlossenen Raum“ dem „intersubjektiven Aushandlungsraum“ gegenüber, den „Kontrollraum“ dem „Selbstbemächtigungsraum“, den „Schauplatz für politische Statements“ dem „Tor zur Welt“, den „Hohlraum“ dem „Entlastungsraum“ und beschreibt abschließend das Spezifische des „Übergangraums“.

Das Konzept Politikunterricht als Möglichkeitsraum stützt sich sowohl auf Annahmen zur Konstitution von Räumen aus soziologischer Perspektive als auch auf Adoleszenz als psychosozialen Möglichkeitsraum. Des Weiteren bezieht sich die Autorin auf Überlegungen zum Konzept des „potential space“ in Anlehnung an Donald W. Winnicott. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass ein Konzept des Politikunterrichts als Möglichkeitsraum davon ausgeht, dass Jugendliche sich durch ihr Handeln am Unterricht beteiligen, Kompetenzen und ihre Identität einbringen und ihn somit beeinflussen bzw. maßgeblich an der Konstruktion des Raums Politikunterricht beteiligt sind. Es entsteht ein Raum der durch unterschiedliche spezifische Rezeptionsweisen beeinflusst wird bzw. mit Sinn gefüllt wird. Der subjektiv verknüpfte Sinn ist wesentlicher Forschungsgegenstand der Arbeit.

Durch die Analyse der Leitfadeninterviews definiert die Autorin problematische Ausgangs- und Konfliktlagen für die schulische politische Bildung, welche verhindern dass Potenziale von Politikunterricht im Sinne der Bedeutsamkeit für Schüler vollständig entfaltet werden können.

Ein Ergebnis bezieht sich auf die Thematisierung von Migration im Rahmen des Unterrichts,   das Thema wird von den SchülerInnen lieber vermieden da sie das Gefühl haben so einer mit Problemen behafteten Gruppen zugeschrieben zu werden. Dies hat verheerende Folgen für den Politikunterricht, die SchülerInnen ordnen sich einer angenommenen Gleichheit unter innerhalb derer die Auseinandersetzung mit eigenen Gedanken und Ideen verhindert wird. „Vorstellungen von Politik als etwas, was sich durch individuelles Handeln oder durch die individualisierte Sicht von Menschen auszeichnet, können sich so nur eingeschränkt etablieren“ (Gessner 2014, S. 305). Die Motivation von SchülerInnen mit Migrationshintergrund ihre eigenen Perspektiven und Erfahrungen in den Diskurs des Unterrichts einzubringen kann auch durch den starken Fokus auf deutschlandspezifische Themenbereiche gehemmt werden. An dieser Stelle geht viel Potenzial für eine mehrperspektivische Betrachtung politischer Phänomene verloren. Ein Politikunterricht müsste eine Lernsituation schaffen in der alle SchülerInnen Gedanken und Meinungen zu Themen unabhängig ihrer Herkunft, äußern können. Dabei steht die Lehrperson zunächst in einer Schlüsselposition. Schule und Lehrkräfte gelten als übergeordnet. Ein statischer Unterricht fördert bei den „sich wenig eigene Wissenskompetenz“ zuschreibenden SchülerInnen mit Migrationshintergrund eine reproduktive passive Lernhaltung. Es wird die vermeidlich richtige politische Haltung der Lehrperson übernommen, dies stellt bezogen auf eine Demokratie ein wesentliches Dilemma dar. Dieses Dilemma kann mit der Forderung nach mehr Reflexion und tiefgehender Auseinandersetzung mit Themen verknüpft werden. Innerhalb des Unterrichts sollte an Vorwissen angeknüpft werden und deutlich werden dass konzeptuelle Vorstellungen gesellschaftlichen Wandlungsprozessen unterliegen. Ein so ausgelegter Politikunterricht löst den LehrerIn als Quelle des absoluten Wissens ab und suggeriert eine themenbezogene Zusammenarbeit von SchülerInnen und LehrerIn. Das Anknüpfen an schülernahe Erfahrungsangebote im Kontext von Schule könnte dazu beitragen, sich mit aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen auseinanderzusetzen, um so das Dynamische von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen zu verdeutlichen. Es ist denkbar, dass SchülerInnen so Perspektiven zur Veränderung und eigenen Einflussnahme erkennen. Da auf schülernahe Erfahrungsangebote zurückgegriffen wird, können sich die Schüler besser mit dem Themenbereich identifizieren und innerhalb des schützenden institutionellen Raum miteinander ins Gespräch kommen um Stellungen auszuhandeln. Die Autorin betont diesen Raum der Ermöglichung von offener Kommunikation zwischen den MitschülerInnen und schreibt ihm vor dem Hintergrund der Verunsicherung von SchülerInnen mit Migrationshintergrund große Bedeutung für ihre Selbstvergewisserung und Zugehörigkeit zur Gruppe zu.

Aus der Studie geht hervor, dass ein Politikunterricht welcher als Möglichkeitsraum gestaltet wird das Potenzial birgt Politik als eigene Denkweise in kommunikativem Austausch mit Anderen zu entwickeln und das Mitteilen dieser Denkweise zu üben und zu testen.

Die Studie von Susan Gessner leistet einen ersten Einblick in subjektive Erfahrungs- und Bedeutungszusammenhänge von Jugendlichen mit Migrationshintergrund bezogen auf Politikunterricht. Aus den Interviews und der anschließenden Analyse wird deutlich, dass sowohl auf wissenschaftlicher Seite weitere Studien notwendig sind um mehr über die Rezeptionsweise und Einstellungen von Jugendlichen gegenüber ihrem Politikunterricht in Erfahrung zu bringen, als auch praktisch neue Perspektiven notwendig werden um einen Möglichkeitsraum schaffen zu können.

Ein interdisziplinäres Denken (erziehungswissenschaftlich, psychologisch, soziologisch und politikdidaktisch) drängt sich auf. Zukünftige schulische politische Bildung könnte als Raum der sozialen Begegnung, innerhalb der Gesellschaft interpretiert werden, ein Raum in dem Platz für individuelle und soziale Fragen geboten wird.

Das Buch von Susan Gessner ist sicherlich für jeden interessant der mehr über Jugendliche mit Migrationshintergrund und Schule erfahren möchte. Durch die Klärung wissenschaftlicher Grundlagen und die Herangehensweise aus den unterschiedlichen Perspektiven wird schon zu Beginn eine sehr gute und verständliche Grundlage des aktuellen wissenschaftlichen Diskurses gegeben. Sowohl für Wissenschaftler als auch für Lehrer lohnt sich ein Blick in diese Studie. Besonders interessant sind die einzelnen Interviewausschnitte mit den Schülern.

 

Literaturangabe:

Susan Gessner (2014): Politikunterricht als Möglichkeitsraum. Perspektiven auf schulische politische Bildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Schwalbach: WOCHENSCHAU Verlag.

 

€ 36,80€, 352 S.

Unter folgendem Link können Sie das Buch bestellen:

http://www.wochenschau-verlag.de/politikunterricht-als-moeglichkeitsraum.html

 

 

 

Gelesen 2060 mal Letzte Änderung am Montag, 20 Juli 2015 17:38
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