Mittwoch, 21 Oktober 2015 16:58

Lernort Staatsregierung

geschrieben von  Fritz Multrus

Politische Bildung findet nicht nur in der Schule statt. Gerade wegen des nur einstündigen Sozialkundeunterrichts im bayerischen Gymnasium sind Angebote zur außerschulischen Lernorten der politischen Bildung wichtig. Die Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit bietet Schulen den Informationstag Lernort Staatsregierung an. Hierbei besucht eine Schülergruppe mit maximal 33 Teilnehmern ein Staatsministerium und zum Abschluss die Staatskanzlei. Der Tag wird organisiert und betreut durch die Landeszentrale, für die Lehrkräfte stellt dies eine erfreuliche Entlastung dar. An der Exkursion am 15. Oktober 2015 mit einer Gruppe des Leonhard-Wagner-Gymnasiums, Schwabmünchen, sollen exemplarisch die Vorteile und auch Verbesserungsmöglichkeiten dieser Lernmethode aufgezeigt werden. 

 

Für diese Exkursion konnten sich Schüler aus allen Sozialkunde-Kursen der Q 11 bewerben. Diese Auswahl hat den Vorteil, dass nur interessierte und nicht gleichgültige, gelangweilte Schüler, die in einer gesamten Klasse oder einem Kurs immer vorhanden sind, dabei sind. Die Begrenzung der Anzahl der Teilnehmer ist sinnvoll, weil zu große Gruppen einfach zu wenig Aufmerksamkeit der Schüler zur Folge haben. Nach der langen Anfahrt zum Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz warten Getränke und ein Imbiss. Dieser freundliche Empfang trägt erheblich zu einer positiven Atmosphäre  bei, in der die Schüler auch unbefangen und interessiert Fragen stellen können.

Zur Einführung findet ein Vortrag über das Ministerium statt. Anhand des Organigramms werden die vielfältigen Aufgaben einer Behörde, dessen Haushaltsmittel und auch die durchaus interessante Geschichte des Umweltministeriums dargestellt. Leider wurde eine clevere Frage einer Schülerin, was das Ministeriums mit mehr Geld machen würde, zurückgestellt und dann vergessen. Nach einer kurzen Pause findet dann ein Fachvortrag statt. Bei der Anmeldung kann die Lehrkraft aus einer langen Liste ein Schwerpunktthema auswählen. Allerdings lassen diese Fachthemen nicht unbedingt Rückschlüsse auf den genauen Inhalt zu. Unser Thema „Wie funktioniert der europäische Binnenmarkt?“ wurde an Hand der technischen Produktsicherheit behandelt. Der hochqualifizierte Referent hat zwar sein Thema kompetent und eindrucksvoll präsentiert, aber die Erwartungen der Teilnehmer deckten sich nicht ganz mit diesem Spezialthema. Unterschiedlichste Fragen zur Milchproduktion, Alu-Verpackungen, Verbraucherinformation, TTIPP, Umweltstandards und Lebensmittelsicherheit in EU und in einem möglichen Freihandelsabkommen mit den USA wurden einfühlsam und schülerorientiert versucht zu beantworten, aber bei Gentechnik musste der Diplomingenieur verständlicherweise passen. Technische Produktsicherheit, d.h. dass uns eine gekaufte Kaffeemaschine nicht um die Ohren fliegt, ist für uns alle so selbstverständlich, dass die Vielzahl der Regelungen und gesetzlichen Vorschriften gar nicht als Problem wahrgenommen werden. Insofern ist das eine Bestätigung dafür, dass die Kontrollmechanismen - zumindest in der Regel - funktionieren. Schade war natürlich, dass die Erwartungen der Schüler und die Intention des Referenten so weit auseinanderklafften. Für die Schüler war das allerdings kein großes Problem, sie meldeten sich eifrig zu Wort, diskutierten und fühlten sich ernstgenommen. Danach stand die Besichtigung des Ministerbüros auf dem Programm. Im Umweltministerium muss man die sechs Stockwerke zu Fuß erklimmen, das ist praktizierter Umweltschutz und sorgt auch für die notwendige Bewegung. Die Ministerin, Frau Scharf, weilte im Landtag und so stand die persönliche Referentin zur Verfügung. Zu Anfang wurde heftig über Kernenergie und den Atomausstieg diskutiert, wohl auch deswegen, weil die Referentin erwähnte, dass sie vorher in der Abteilung „Kernenergie, Strahlenschutz, Stilllegung“ gearbeitet hatte. Unbefriedigend blieb allerdings die Antwort auf die Frage, ob Bayern nach der Abschaltung der Atomkraftwerke genügend Strom zur Verfügung habe. Der Verweis, dass für erneuerbare Energien das Wirtschaftsministerium zuständig sei, war nicht überzeugend. Es blieb noch genügend Zeit, die Terminbelastung eines Ministers konkret zu erklären und ein obligatorisches Foto am Schreibtisch der Ministerin zu machen.

Nach einem Mittagessen in der Kantine folgte eine Einführung in das politische System Bayerns mit seinen Institutionen. Sicherlich waren besonders die Ausführungen zu den Ministern und dem Regionalproporz bei der Auswahl aufschlussreich, aber grundlegende Informationen zum Staatsaufbau waren den Schülern schon durch den Sozialkundeunterricht längst bekannt. Die Krönung des Informationstages ist natürlich die Besichtigung der Staatskanzlei. Den meisten Schülern ist das Gebäude völlig unbekannt. Umso mehr waren alle fasziniert von der Größe und der Architektur. Die Betreuerin der Landeszentrale führte in der Orangerie mit historischen Fotos in die Geschichte des Gebäudes, dem ehemaligen Armeemuseum, ein. Im Saal der Pressekonferenzen konnten sich Schüler schon als Pressesprecher üben. Der Kuppelsaal beeindruckte durch seine Größe und Architektur alle sehr. Danach dürfen die Besucher in den Kabinettsaal und damit in das Machtzentrum Bayerns – das stellt natürlich den absoluten Höhepunkt des Tages dar. Am großen Kabinettstisch haben fast alle Schüler Platz. Sichtlich großen Spaß machte es, als die Führerin die Schüler als Kabinettsmitglieder auf ihren Sitzplätzen vorstellte. Ein Gruppenfoto am Kabinettstisch zur Erinnerung gehört unbedingt dazu.

Wenn man ein Resümee des Tages und auch der Lernmethode ziehen soll, so kann man feststellen:

  • Das Angebot des Informationstags „Lernort Staatsregierung“ ist durchweg sehr gelungen und empfehlenswert. Die perfekte Vorbereitung, Durchführung und Betreuung durch die Landeszentrale und das Ministerium garantieren einen dichten, informationsreichen Tag, von dem die Schüler viel mit nach Hause mitnehmen. Die Lehrkräfte werden dadurch erheblich entlastet und können ihren Schülern wirklich ein Highlight der politischen Bildung bieten.
  • Bedauerlich ist schon, dass keine persönliche Begegnung mit einem Politiker möglich ist. Damit könnten viele Vor- und Fehlurteile im direkten Kontakt ausgeräumt werden. Für die meisten Schüler ist es wahrscheinlich die einzige Gelegenheit in ihrem Leben, mit einem hochrangigen Politiker direkt in Kontakt zu kommen. Selbstverständlich muss man die Terminbelastung eines Ministers berücksichtigen, aber immerhin sind die Schüler bei der nächsten Wahl Erstwähler.
  • Denkbar wäre auch, dass statt eines abgehoben und abstrakten Fachvortrags im Ministerium etwas mehr schülerorientierte Formen, wie z.B. einem Fallbeispiel, einem Rollenspiel mit den unterschiedlichsten Akteuren o.ä., zum Einsatz kommen könnten.
  • Trotz dieser Anmerkungen ist diese Veranstaltung ein großartiger Tag, von dem für das Fach Sozialkunde eine große Motivation ausgehen kann und den die Schüler lange im Gedächtnis behalten werden. 

Gelesen 2118 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 21 Oktober 2015 17:59
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