Donnerstag, 13 Juni 2013 00:00

Rückblick: Fortbildungsveranstaltung zu Konzepten des Demokratielernens

geschrieben von  Frank Wagner

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Rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer fanden am 6. Mai 2013 den Weg in die Räumlichkeiten des Centrums für angewandte Politikforschung in München (CAP). Lehrerinnen und Lehrer, Studentinnen und Studenten sowie weitere Akteure des Bildungsbereichs lernten an diesem Nachmittag interessante Konzepte zum Demokratielernen im Wahljahr 2013 kennen.

Während der Fortbildung konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unterschiedliche Workshops besuchen. Zur Auswahl standen die Workshops „Argumentationstraining gegen Stammtischparolen zum Thema Politik(er)verdrossenheit" unter der Leitung von Karin Schnebel und Christian Boeser, „Im Zentrum der Macht – Politik lernen mit Computerspielen unter der Leitung von Frank Wagner, „Nicht nur eine Form der Demokratie – ein umfassendes Demokratie-Lernen-Programm aus Israel" unter der Leitung von Silvia Simbeck und Florian Wenzel und „Planspielreihe: Der Landtag sind wir!" unter der Leitung von Eva Feldmann-Wojtachnia. Im Folgenden werden die einzelnen Workshops und erarbeitete Ergebnisse dargestellt. An dieser Stelle bedanken wir uns bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für das gemeinsame Nachdenken und die daraus entstandenen interessanten und kurzweiligen Diskussionen.

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Workshop: "Argumentationstraining gegen Stammtischparolen zum Thema Politik(er)verdrossenheit"

Faul, korrupt, abgehoben – Vorurteile gegenüber Politikern gibt es weiß Gott viele. Dass sie in den meisten Fällen höchstens die halbe Wahrheit abbilden, darüber sind sich politische Bildnerinnen und Bildner meistens einig. Aber wie schafft man es, andere von der Unangemessenheit solcher „Stammtischparolen" zu überzeugen? Dies war Gegenstand des Workshops „Argumentationstraining gegen Stammtischparolen zum Thema Politik(er)verdrossenheit", den Christian Boeser und Karin Schnebel leiteten. Den Ausgangspunkt der engagierten Diskussion bildeten dabei sechs streitbare Thesen, die Boeser und Schnebel zuvor erarbeitet hatten. Eine davon: „Je mehr Politik(er)verdrossenheit bei den Bürgern besteht, umso größer ist auch die Bürgerverdrossenheit der Politiker." Auf dieser Basis ging es im ersten Teil des Workshops vor allem darum, sich typische Vorurteile vor Augen zu führen und diese inhaltlich zu kategorisieren. Derlei Überlegungen führten schließlich geradezu zwangsläufig zu der Frage, die im zweiten Teil des Workshops im Mittelpunkt stand: Wie kann man solche Vorurteile argumentativ entkräften? Denn in einem Punkt waren sich alle einig: Fallstricke gibt es hier mehr als genug. So läuft man beispielsweise stets Gefahr, oberlehrerhaft zu wirken und sein Gegenüber unabsichtlich als „dumm" da stehen zu lassen. Boeser und Schnebel erklärten deshalb anhand von praktischen Beispielen, an welche Regeln man sich halten sollte, um derartige Gespräche erfolgreich zu gestalten. Und so stand am Ende die Einsicht: Leicht ist das alles sicher nicht, aussichtslos aber auch nicht.

Autor: Fares Kharboutli, Ansprechpartner: Christian Boeser (christian.boeser@phil.uni-augsburg.de)

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Workshop: "Politik lernen mit Computerspielen"

Neue Medien sind laut aktuellen Studien (wie z.B. KIM und JIM) nicht mehr aus dem Alltag der Heranwachsenden wegzudenken. Weshalb nicht die Überlegung, dass durch innovative und multimedial unterstützte Lernprozesse politische Bildung vermittelt werden kann? Denn schließlich werden doch die Kinder und Jugendliche dort abgeholt wo sie stehen.

In einem interaktiven Workshop zum Thema „politische Bildung spielerisch lernen" konnten daher die Teilnehmer das PC-Spiel „GENIUS - Im Zentrum der Macht" (Cornelsen-Verlag) kennenlernen. In einer ersten Phase führte das (medien-)pädagogische Team von GamePäd – Professional Edutainment inhaltlich in die Thematik ein und ermöglichte anschließend die Selbsterfahrung für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die virtuelle Welt dieses Computerspiels einzutauchen. Das Politiklernspiel konnte somit in dieser zweiten Phase angespielt werden um in der anschließenden dritten Phase die Möglichkeiten und Grenzen des Spiels zu diskutieren.

Deutlich wurde vor allem, dass nachhaltige Lernprozesse mit Computerspielen aufgrund den organisatorischen Rahmenbedingungen in der Schule (Fülle des Lehrplans, Zeit, etc.) oftmals nur schwer zu ermöglichen sind und daher an ihre Grenzen stoßen. Wichtig war für das Team von GamePäd – Professional Edutainment anzumerken, dass ein Lernspiel wie GENIUS – Im Zentrum der Macht im schulischen Kontext nicht für sich alleine stehen kann, sondern nur mit einer intensiven Vor- und Nachbereitung Lernerfolge erzielen kann. Die Diskussionsphase ermöglichte jedoch des Weiteren auch auf ein Kompetenzmodell der politischen Bildung zurück zu greifen (siehe S. 5 in der Handreichung). Denn das, was in dieser dritten Phase geschah, war ein interessanter und für die politische Bildung wichtiger Nebeneffekt: Das Computerspiel wurde zum Gegenstand einer kritischen Auseinandersetzung. Kompetenzen wie beispielsweise Kritikfähigkeit und Reflexionsfähigkeit kamen nahezu automatisch im Diskussionsprozess auf. Das Team von GamePäd – Professional Edutainment konnte abschließend das Kompetenzmodell der politischen Bildung mit Lern- und Bildungsprozessen mit Computerspielen verbinden und das hierbei ruhende Potential verdeutlichen.

Weitere Informationen über GamePäd – Professional Edutainment erhalten Sie unter http://www.gamepaed-edutainment.de/ sowie durch Ihren Ansprechpartner Frank Wagner (frank.wagner@gamepaed-edutainment.de).

Autor: Frank Wagner

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Workshop: "Mehr als eine Demokratie"

ANSATZ

Basierend auf dem Programm "Betzavta/Miteinander" (www.betzavta.de) präsentierten Susanne Ulrich, Florian Wenzel und Silvia Simbeck die neue Publikation "Mehr als eine Demokratie" des ADAM-Instituts in Israel, die derzeit vom CAP für den Bildungsbereich in Deutschland adaptiert wird. Das Programm stellt die "Anerkennung des gleichen Rechts auf freie Entfaltung" in den Mittelpunkt seines Ansatzes und möchte ein kreatives und qualitatives Demokratieverständnis fördern: das Programm stellt Verbindungen zwischen dem jeweiligen Demokratie-Thema (z.B. Mehrheit / Minderheit) und dem aktuellen Gruppengeschehen (z.B. in der Schulklasse) her; es verknüpft individuelle Reflexion mit der Verantwortung der gesamten Lerngruppe, Erkenntnisse auch direkt für sich umzusetzen; es schafft Bezüge zwischen Dynamiken von "Demokratie im Kleinen" im Seminar mit "Demokratie als Herrschaftsform" und wirkt so Politikverdrossenheit entgegen. Insgesamt verdeutlicht es die Bedeutung von Demokratie als die Gestaltung des Miteinander in der Gesellschaft, als Lebensform, die anregend ist und nicht zuletzt Spaß macht.

ÜBUNG

Mitbestimmung in der Schule - mit Hilfe von vier konkreten Fallbeispielen aus der gleichnamigen Übung machten Susanne Ulrich und Florian Wenzel für die Workshopteilnehmer und-teilnehmerinnen erfahrbar, wie die didaktische Methode des Adam Instituts aus Israel funktioniert. Dabei wurden Fragen aufgeworfen, die das alltägliche demokratische Miteinander betreffen: Sollte anstelle von Klassensprecherwahlen nicht eher ein Rotationsverfahren allen Kinder die Chance verschaffen, die Klasse zu vertreten? Welches Verfahren soll gelten, um diese Entscheidung zu treffen? Wie viel Mitbestimmung ist gut für Kinder in welchem Alter? Haben sie nicht auch Recht auf eine Kindheit ohne belastende Entscheidungen? Während die Teilnehmenden die Ergebnisse ihrer Kleingruppenarbeit vorstellten, kam zudem die Frage nach dem demokratischen Prozess in ihrer Kleingruppe auf: wie wurden Entscheidungen in der Kleingruppe gefällt? Wer stellte die Ergebnisse vor? So wurde der vielschichtige und spannende Ansatz der Konflikt-Dilemma-Methode aus Israel demonstriert.

NEUE PUBLIKATION

Der Workshop wurde abgerundet von Silvia Simbeck, indem sie die Übung in den Gesamtzusammenhang der neuen Publikation "Mehr als eine Demokratie" stellte und die dort thematisierten Demokratieformen erläuterte: neben der liberalen werden die sozialdemokratische, die sozialistische, die multikulturelle, die nationale und die feministische Demokratie theoretisch vorgestellt und jeweils mit grundlegenden Begriffen wie Freiheit, Mehrheit, Gesetz, Rechte, etc. verknüpft. Zu jeder Thematik finden sich in dem ca. 850 Seiten umfassenden Werk zahlreiche Übungen, die ganz individuelle Workshopgestaltungen ermöglichen. Die Publikation wird im Verlag der Bertelsmann Stiftung erscheinen und das CAP wird bald Termine für Seminare mit den neuen Übungen und Inhalten auf www.cap-akademie.de veröffentlichen. Weitere Informationen finden sich unter www.betzavta.de.

Autoren und Ansprechpartner: Susanne Ulrich und Florian Wenzel (Centrum für angewandte Politikforschung München, Maria-Theresia-Straße 21, 81675 München)

QRSNmtk5IF0IjOQlefXwKbLOcsUBhV6FEZeOvRGarTsWorkshop: "Der Landtag sind wir! - Politik spielerisch vermitteln"

Während des Workshops wurde anhand von praktischen Übungen die Planspielreihe des Bayerischen Landtags "Der Landtag sind wir!" vorgestellt. Dabei wurden die Grenzen und Möglichkeiten von Parlamentssimulationen erörtert sowie die spezifischen didaktischen Anforderungen diskutiert und das Planspiel mit einem neuen fiktiven Gesetzesentwurf zum Ladenschluss angespielt. So konnten die Teilnehmenden des Workshops einen Einblick in die Komplexität des Gesetzgebungspozesses in der Demokratie nehmen und am praktischen Beispiel erleben, auf welche Weise politische Grundbegriffe in der Planspielpraxis vermittelt werden. In dem interaktiv angelegten Simulationsprozess lernen die Teilnehmenden eine eigene politische Position zu entwickeln und zu verhandeln, sowie die Konsequenzen zu bedenken. Der anschließende Reflexionsprozess ermöglichte den Teilnehmenden auch die praktischen Einsatzmöglichkeiten des Planspiels in den eigenen Bildungskontexten vor Ort zu diskutieren.

Aktuell liegen sieben fiktive Gesetzesvorhaben aus Ausgangsszenarien für die Planspiele vor, die die Teilnehmenden dazu animieren, sich intensiv mit den Abläufen und Hintergründen der parlamentarischen Arbeit und der politischen Dimension von Alltagsfragen kritisch auseinanderzusetzen. Die politischen Themen sind breit gefächert und greifen beispielsweise die Herabsenkung des Wahlalters oder die Verbesserung des Verbraucherschutzes in Bayern auf. Bei der Planspielreihe „Der Landtag sind wir!" handelt es sich um ein interaktives Angebot des Bayrischen Landtags zur politischen Bildung an Schulen. Es richtet sich an alle Schultypen und eignet sich für Schülerinnen und Schüler ab der 8. Klasse aufwärts mit einer Gruppengröße von ca. 25- 65 Personen. Unter dem Motto „Politik zum Anfassen" können Schülerinnen und Schüler für einen Schulvormittag selbst in die Rolle von Abgeordneten des Landtags schlüpfen und über neue Gesetzesvorhaben verhandeln. Zum Abschluss des Planspiels erhalten sie Gelegenheit, mit Abgeordneten aus ihrem Stimmkreis über die gemachten Erfahrungen und Fragen der bayerischen Landespolitik zu diskutieren.
Dieses Planspielformat wurde 2007 von der Forschungsgruppe Jugend und Europa am Centrum für angewandte Politikforschung CAP speziell für den Einsatz in Schulen entwickelt. Die FGJE stellt die entsprechenden Materialien zur Verfügung, sie vermittelt zu den Terminen ihr eigens ausgebildetes Team, vergibt in Absprache mit dem Landtag die Termine sowie begleitet die Planspielreihe „Der Landtag sind wir!" wissenschaftlich.
 

Autorin und Ansprechpartnerin: Eva Feldmann-Wojtachnia (eva.feldmann@lrz.uni-muenchen.de)

Gelesen 2307 mal Letzte Änderung am Montag, 05 September 2016 14:06
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